Kultur

„Tage Alter Musik“ in Schwerin: Stadt feiert einziges Festival, das zum Durchschnittsalter passt

Anfang März findet in Schwerin das Festival „Tage Alter Musik“ statt. Was nach einer ehrlichen Selbstbeschreibung der Landeshauptstadt klingt, ist tatsächlich eine Konzertreihe für Barockmusik und Werke der Renaissance. Schwerin beweist damit einmal mehr sein untrügliches Gespür für zielgruppengerechtes Marketing.

In einer Stadt, deren Durchschnittsalter gefühlt irgendwo zwischen „Frühpensionierung“ und „dritte Hüfte“ liegt, ist ein Festival für Alte Musik keine kulturelle Nische — es ist Mainstream. Die 98.308 Einwohner der kleinsten Landeshauptstadt Deutschlands haben endlich ein Kulturangebot, das sie nicht überfordert: kein Bass, kein Stroboskop, keine Gefahr, dass jemand unter 60 auftaucht.

Barockmusik trifft Barockinfrastruktur

Das Programm umfasst Werke aus dem 16. bis 18. Jahrhundert — Epochen, in denen Schwerin kulturell möglicherweise seine letzte Blütezeit erlebte. Gespielt wird unter anderem im Staatstheater, dem einzigen Kulturort der Stadt, der nicht gleichzeitig als städtische Ruine durchgeht. Auf dem Programm stehen Cembalo, Laute und Gambe — Instrumente, die so veraltet sind wie der Audioguide im Schweriner Museum.

„Alte Musik in alten Gemäuern für altes Publikum — das Konzept ist endlich in sich schlüssig.“

Eine Rentnerin am Pfaffenteich, beim routinierten Schwanfüttern

Tatsächlich ist das Festival eine Seltenheit in Schwerin: ein kulturelles Angebot, das weder von Betrunkenen gestört noch von der Stadtvertretung zerredet wird. Andere Städte locken mit Electronic-Festivals oder Indie-Konzerten. Rostock hat das Full Force, Hamburg das Reeperbahn Festival. Schwerin antwortet mit Cembalo und Laute. Im internationalen Städtevergleich liegt die Landeshauptstadt damit konsequent auf dem letzten Platz — aber immerhin konsequent.

Zielgruppe: Alle, die noch da sind

Wer jüngeres Publikum erwartet, sollte beachten: Die meisten Menschen unter 30 haben Schwerin bereits in Richtung Hamburg, Berlin oder Rostock verlassen. Das Festival richtet sich daher realistisch an die verbliebene Kernzielgruppe — Menschen, die das Wort „Gambe“ nicht googeln müssen und für die „Streaming“ noch etwas mit dem Pfaffenteich zu tun hat.

Karten für das Festival sind noch erhältlich. Sitzplätze werden empfohlen — was in Schwerin ohnehin die bevorzugte Haltung ist.

Quelle: Evangelische Zeitung

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