Am Samstagabend wurde ein 18-jähriger Fußgänger an der Straßenbahn-Haltestelle Neu Zippendorf von einer Bahn erfasst und schwer verletzt. Der 39-jährige Fahrer leitete sofort eine Notbremsung ein, konnte den Zusammenstoß aber nicht verhindern. Der junge Mann wurde ins Krankenhaus gebracht. So weit die Fakten – und so weit das, was in jeder anderen Landeshauptstadt eine Kurzmeldung auf Seite 7 wäre.
In Schwerin ist ein Straßenbahn-Unfall allerdings kein lokales Ereignis. Er ist ein systemrelevantes Ereignis. Denn die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns betreibt exakt vier Straßenbahnlinien. Vier. Das gesamte Schienennetz des Nahverkehrs besteht aus vier Linien. Wenn eine davon ausfällt, ist rechnerisch ein Viertel des ÖPNV der Landeshauptstadt lahmgelegt.
45 Minuten Ausnahmezustand
Die Polizei sperrte den betroffenen Streckenabschnitt für 45 Minuten. In Berlin wäre das ein normaler Dienstagmorgen. In München würden 45 Minuten Verspätung nicht mal eine Durchsage rechtfertigen. In Schwerin bedeutet es: Ein Viertel der städtischen Mobilität steht still. Tausende Pendler – also geschätzt acht bis zwölf Personen an einem Samstagabend – mussten umplanen.
„Der entstandene Sachschaden wird auf rund 5.000 Euro geschätzt.“
Polizeibericht – der Sachschaden an der Straßenbahn übersteigt damit vermutlich das monatliche Marketingbudget des Schweriner ÖPNV
Bemerkenswert ist auch der Unfallort: Neu Zippendorf, eines der Plattenbau-Viertel, die Schwerin so charmant machen. Die Haltestelle liegt in der Magdeburger Straße – benannt nach einer Stadt, die ebenfalls Landeshauptstadt ist, aber im Gegensatz zu Schwerin ein funktionierendes Verkehrsnetz besitzt.
Die Zukunft fährt auf vier Gleisen
Während andere Städte über U-Bahn-Ausbau, Schnellbuslinien und autonome Shuttles diskutieren, kämpft Schwerin darum, seine vier Tramlinien am Laufen zu halten. Neue Strecken? Nicht geplant. Taktverdichtung? Wozu – die Bahnen sind ja selten überfüllt. In einer Stadt, in der an manchen Haltestellen mehr Schwäne als Fahrgäste warten, wäre das auch übertrieben.
Dem Verletzten wünschen wir aufrichtig gute Besserung. Der Schweriner Straßenbahn wünschen wir das Gleiche – sie braucht es mindestens genauso dringend.
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