Kurioses

Stadtvertretung will Spätis in der Altstadt begrenzen – Schwerins letzter bekannter Ort mit Nachtbetrieb soll weg

SCHWERIN. Jahrzehntelang hat die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns konsequent daran gearbeitet, das städtische Nachtleben auf ein gesellschaftlich verträgliches Minimum zu reduzieren. Das E-Werk: weg. Der Speicher: weg. Der Zenit: weg. Gastronomie nach 22 Uhr: fast vollständig eliminiert. Doch eine letzte Enklave des Abendtreibens hatte sich bislang hartnäckig gehalten: die Spätverkaufsstellen der Schweriner Altstadt. Damit soll jetzt Schluss sein.

Die Fraktionen UB/FDP und AfD haben einen Antrag in die Stadtvertretung eingebracht, der die weitere Ansiedlung von sogenannten Spätis in der Altstadt deutlich einschränken soll. Begründung: Es gebe dort bereits zu viele davon. Erschwerend hinzu kämen, so heißt es in internen Unterlagen, vereinzelte blinkende Werbeschildeein Thema, das die AfD bereits separat auf die Agenda gesetzt hatte —, die bei Passanten den Eindruck erwecken könnten, die Innenstadt sei nach Einbruch der Dunkelheit noch bewohnt.

„Wir waren kurz davor. Jetzt das.“

„Wir hatten es fast geschafft“, sagt Gernot Stillmeyer, Referatsleiter für Abendstilleplanung im fiktiven Amt für Atmosphärische Gesamtentwicklung der Landeshauptstadt Schwerin. „Die Innenstadt war nach 21 Uhr so ruhig, dass man eine Stecknadel fallen hören konnte – vorausgesetzt, man war überhaupt noch dort. Und jetzt das: ein blinkender Schriftzug im Schaufenster, der Leute dazu verleitet zu denken, da sei was los.“

Tatsächlich lässt sich das Problem statistisch belegen. Schwerin verfügt derzeit über null Clubs, eine überschaubare Restaurantszene, die mehrheitlich um 21:30 Uhr schließt, und ein ÖPNV-Angebot, das abends zuverlässig dann endet, wenn die letzten Fahrgäste eigentlich noch irgendwo hingehen wollen. Die Spätis gelten seit Jahren als das, was Stadtentwicklungsplaner intern als „unerwünschte Restdynamik“ bezeichnen sollen. Eine eigens eingesetzte Nachtbürgermeisterin hat das Problem bereits dokumentiert — ihr Bericht kam um 21:03 Uhr, direkt bevor sie nach Hause ging.

„Ich kaufe da manchmal um halb elf noch Chips. Das ist für Schwerin praktisch Techno-Party.“

Klaus-Dieter R., 61, Rentner, Pfaffenteich

Verwaltung: Grundsätzlich schon geregelt, aber trotzdem

Die Stadtverwaltung hat dem Antrag bislang eher reserviert gegenübergestanden. In ihrer Stellungnahme verweist sie darauf, dass großflächige oder „verunstaltende“ Werbung bereits durch bestehende Satzungen erfasst sein könne und Verstöße ordnungsrechtlich verfolgt werden. Im Klartext: Das Blinken ist eigentlich schon verboten. Man müsste es nur durchsetzen. Was, wie Insider berichten, in Schwerin natürlich eine ganz eigene Herausforderung darstellen soll.

Ungeachtet dessen begrüßte die Antragsfraktion die öffentliche Debatte. „Die Menschen in der Altstadt haben ein Recht auf Schlaf“, erklärte ein Fraktionsmitglied, das namentlich nicht genannt werden wollte, weil er selbst kurz vor dem Einschlafen war. „Wenn man abends vom Pfaffenteich nach Hause läuft und da blinkt etwas, dann ist das eine Zumutung.“

Weniger begeistert zeigte sich Mehmet A., der seit sieben Jahren einen Späti in der Altstadt betreibt und dessen Laden nach eigener Auskunft das einzige Geschäft in seiner Straße ist, das überhaupt noch Öffnungszeiten hat. „Ich mache um 23 Uhr zu“, sagte er. „Meine Kunden kommen hauptsächlich, weil alles andere schon zu ist. Das sage ich jetzt mal so.“ Auf die Frage, ob er das Schild wohl abdimmen würde, antwortete er nicht. Er sah einfach kurz aus dem Fenster.

Die Entscheidung der Stadtvertretung steht noch aus. Sollte der Antrag durchkommen, wäre Schwerin laut eigenen Schätzungen das erste Oberzentrum in Mecklenburg-Vorpommern, in dem die kommunale Politik aktiv an der Reduzierung von Öffnungszeiten gearbeitet hat. Hamburg, das 120 Kilometer entfernt liegt und wo täglich mehrere Tausend Schweriner pendeln, plant derweil die Erweiterung seines Reeperbahn-Quartiers.

Das ist natürlich alles nur eine Sichtweise. Die Stadtvertretung würde das vermutlich etwas anders formulieren. Wahrscheinlich in einem Ausschuss.

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