Gesellschaft

Stadt Schwerin stellt Straßenbeleuchtung nach 21 Uhr ab: „Hier ist sowieso niemand mehr unterwegs“

In einem bundesweit einzigartigen Pilotprojekt hat die Stadt Schwerin beschlossen, die Straßenbeleuchtung in der Innenstadt ab 21 Uhr vollständig abzuschalten. Die offizielle Begründung: Energieeinsparung und Klimaschutz. Die inoffizielle Begründung kennt jeder Schweriner.

„Wir haben die Nutzungsdaten ausgewertet“, erklärte ein Sprecher der Stadtverwaltung. „Nach 21 Uhr bewegen sich in der Schweriner Innenstadt statistisch gesehen 0,7 Personen pro Straßenzug. Bei einer davon handelt es sich um einen Fuchs.“ Die Einsparungen belaufen sich auf geschätzte 47.000 Euro jährlich — Geld, das laut Verwaltung „dringend für die Sanierung der Bänke am Pfaffenteich benötigt wird“.

Gastronomie begrüßt Entscheidung

Überraschend positiv reagierte der lokale Gastronomieverband. „Endlich eine Maßnahme, die zu unseren Öffnungszeiten passt“, so der Vorsitzende. Die meisten Restaurants in der Innenstadt schließen ohnehin um 21 Uhr ihre Küchen — nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern weil schlicht niemand mehr kommt. „Letzte Woche hatten wir um 20:30 Uhr einen Gast. Er hat sich verlaufen und eigentlich nach dem Bahnhof gefragt.“

„Ich finde das konsequent. Warum Straßen beleuchten, auf denen niemand geht? In Schwerin geht man vor Einbruch der Dunkelheit nach Hause. Das war schon 1990 so.“

Renate M. (73), Anwohnerin seit 52 Jahren

Das Projekt trägt den Namen „Schwerin schläft“ — ein Name, den die Marketingabteilung offenbar ohne jede Ironie gewählt hat. Kritiker bemängeln, dass die Maßnahme das ohnehin nicht existente Nachtleben der Landeshauptstadt weiter einschränke. Die Stadtverwaltung wies diese Kritik zurück: „Um Nachtleben einzuschränken, müsste man erst welches haben.“

Vergleich mit anderen Landeshauptstädten

In Erfurt, der einzigen Landeshauptstadt mit ähnlicher Einwohnerzahl, werden nachts noch Kulturveranstaltungen, Bars und sogar Clubs betrieben. In Schwerin wurde der letzte verbliebene Club „Zenit“ bereits 2019 geschlossen — die Räumlichkeiten werden seither als Lager für Seniorenrollstühle genutzt. „Das ist bedarfsgerechte Nachnutzung“, so ein Stadtvertreter. „Die Rollstuhllieferungen übersteigen die Clubgänger-Zahlen seit 2014.“

Touristen zeigten sich von der Neuerung unbeeindruckt. „Wir waren um 17 Uhr hier, haben das Schloss fotografiert und sind um 17:45 Uhr weitergefahren“, berichtete ein Ehepaar aus Hamburg. „Dass es hier auch eine Nacht gibt, war uns nicht bewusst.“

Die Straßenbeleuchtung am Schloss bleibt übrigens aktiv — schließlich ist das der einzige Ort, der rund um die Uhr angestrahlt werden muss. Ohne das Schloss wüsste ja niemand, dass Schwerin überhaupt existiert.

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