Schwerin (SIG) – In einer bemerkenswert ehrlichen Kampagne hat die Landeshauptstadt Schwerin gleich zwei Gesprächsangebote zur seelischen Gesundheit ins Leben gerufen. Das Motto: „Bevor einem alles zu viel wird“ – was angesichts der Tatsache, dass man in Schwerin lebt, eine durchaus realistische Einschätzung darstellt.
Die Stadt lädt im Februar zu zwei Terminen ein: Am 11. Februar findet im Stadthaus am Packhof ein Psychoseseminar statt, am 19. Februar gibt es einen „Treff zum Austausch zur seelischen Gesundheit“ in der Alten Post am Berliner Platz. Die Teilnahme ist kostenlos – vermutlich weil die Stadt befürchtet, dass sonst niemand kommt.
„Wir wollen einen Raum schaffen, in dem Menschen offen über ihre psychischen Belastungen sprechen können“, erklärt Christina Jungbluth vom Fachdienst Gesundheit. „Gerade in Schwerin ist es wichtig, dass man über seine Gefühle reden kann, ohne als ’nicht belastbar‘ zu gelten.“ Gemeint sind vermutlich Gefühle wie „Warum wohne ich hier?“, „Wann fährt der nächste Bus nach Berlin?“ oder „Ist das wirklich alles?“
Das Format nennt sich „Psychoseseminar“, richtet sich aber ausdrücklich nicht nur an Menschen mit Psychosen. Eingeladen sind laut Ankündigung „Menschen, die unter seelischem Druck oder Stress stehen, psychosomatisch oder psychisch erkrankte Menschen, Angehörige, Freunde oder Partner“ – also im Prinzip jeder, der schon mal am Marienplatz war.
Besonders innovativ: Die Veranstaltungen finden auf „neutralem Boden“ statt. „Nicht im Stress einer akuten Krisensituation“, wie es heißt. Eine geschickte Strategie, denn eine akute Krisensituation entsteht in Schwerin meist bereits beim Versuch, nach 20 Uhr noch einen Döner zu kaufen oder einen Parkplatz in der Wismarsche Straße zu finden.
Die Regeln sind klar: respektvoller Umgang, ausreden lassen, zuhören – und absolute Vertraulichkeit. „Alles Gesagte bleibt im Raum“, heißt es in der Ankündigung. Das ist wichtig, denn die Schweriner Community ist klein, und niemand will, dass beim nächsten Stadtfest bekannt wird, dass man im Februar öffentlich zugegeben hat, am Ende seiner Kräfte zu sein, weil man seit drei Wochen auf einen Handwerker wartet.
Ein anonymer Teilnehmer des letzten Seminars berichtete: „Ich dachte erst, das wird so eine motivierende Selbsthilfegruppe, wo alle sagen ‚Schwerin ist toll, wir müssen nur positiv denken‘. Aber nein – hier darf man ehrlich sein. Das war erleichternd.“ Auf die Frage, ob er sich nach dem Seminar besser gefühlt habe, antwortete er: „Nein, aber wenigstens weiß ich jetzt, dass es allen anderen auch so geht.“
Die Stadt betont, dass es sich nicht um Therapie handelt, sondern um Austausch. „Wir können keine psychischen Probleme lösen“, so Jungbluth. „Aber wir können zeigen: Du bist nicht allein.“ Was für Schwerin eine durchaus tröstliche Botschaft ist – denn allein zu sein wäre hier vermutlich noch deprimierender als die Erkenntnis, dass 95.000 andere Menschen auch nicht wissen, warum sie hier sind.
Anmeldungen sind unter 0385 / 545-2861 oder per Mail möglich. Die Stadt bittet ausdrücklich darum, die Termine weiterzusagen – vermutlich weil sie hofft, dass am Ende mehr Leute auftauchen als nur die drei Verwaltungsmitarbeiter, die das Ganze organisiert haben.
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