Der Marienplatz in Schwerin ist offiziell der meistüberwachte Platz in Mecklenburg-Vorpommern. Kameras, Polizeistreifen, ein fester Anlaufpunkt, perspektivisch sogar eine eigene Polizeiwache in unmittelbarer Nähe. Kurz: Wer hier eine Straftat begeht, tut das quasi live vor Publikum. Trotzdem fordern gleich mehrere OB-Kandidaten im Wahlkampf „mehr Sicherheit“ — als hätten sie die letzten Jahre in einem Bunker ohne Nachrichtenempfang verbracht.
Allen voran Sebastian Ehlers (CDU), der sich im Wahlkampf für noch mehr Videoüberwachung in der Innenstadt ausspricht. Man dürfe „das Gefühl der fehlenden Sicherheit nicht schönreden“, so der Stadtpräsident. Das Gefühl. Nicht die Realität. Die Realität sagt nämlich: Der Marienplatz ist bereits so abgesichert, wie man einen öffentlichen Platz absichern kann, ohne Drehkreuze und Ganzkörperscanner aufzustellen.
Die Maßnahmen-Treppe ins Nirgendwo
Das schwerin.news-Portal hat die Sicherheitsdebatte in einem Kommentar seziert und dabei eine unbequeme Frage gestellt: Wenn der Marienplatz bereits das Maximum an staatlicher Kontrolle darstellt — was genau soll denn „mehr“ sein? Zugangskontrollen? Schranken? Gesichtserkennung mit automatischem Alarm, wenn jemand „nicht ins Bild passt“? Oder, Originalton schwerin.news: „KI-Alarm mit Selbstschussanlage nach Gesichtserkennung und Nationalität“? Man darf annehmen, dass das satirisch gemeint war. Bei manchen Wahlprogrammen könnte man sich da nicht mehr so sicher sein.
„Wenn die Antwort auf jedes Sicherheitsgefühl immer nur ‚mehr Technik, mehr Daten, mehr Überwachung‘ lautet — wessen Interessen werden dann mitbedient?“
schwerin.news, 23. Februar 2026
Auch Petra Federau (AfD) beklagt, das Thema Sicherheit sei „viel zu lange unter den Teppich gekehrt“ worden. Das könnte daran liegen, dass unter dem Teppich bereits ein Dutzend Überwachungskameras installiert sind und der Teppich deshalb nicht mehr richtig liegt. Aber gut — wer eine Escort-Vergangenheit verschweigen kann, dem fällt es vermutlich leicht, auch die Existenz von Sicherheitsinfrastruktur zu übersehen.
Das Messer-Paradox: Falsche Orte, selektive Empörung
Besonders entlarvend wird es beim Thema Messerangriffe. Der Fall, der überregional Schlagzeilen machte, wird rhetorisch gern „auf den Marienplatz gezogen“ — obwohl er sich Hunderte Meter entfernt ereignete. Bequem, weil es das Bedrohungsbild verdichtet. Ein anderer Messerangriff, der tatsächlich am Marienplatz stattfand — ein deutscher Staatsbürger stach einem Algerier ins Gesicht mit der Ankündigung, er wolle „so viele Kanack töten“ — wird von CDU und AfD erstaunlich leise behandelt. Vermutlich, weil das Täterprofil nicht zum Wahlkampf-Narrativ passt.
Keiner der beiden Angriffe wurde übrigens durch Kameras verhindert. Der eine lag außerhalb des Sichtfeldes. Der andere passierte trotz laufender Überwachung. Aber das sind Details, die in einem Wahlkampf niemanden interessieren. Details stören bekanntlich beim Angstmachen.
Derweil fordert Dr. Aileen Wosniak (ASK) als einzige Kandidatin, das eigentliche Problem zu benennen: „Die Stadt ist sicher. Das Problem ist vielmehr die Segregation.“ Aber eine Psychotherapeutin, die Ursachen statt Symptome behandeln will — das klingt in einem Schweriner Wahlkampf ungefähr so populär wie Leitungswasser in einer Cocktailbar.
Bleibt die Frage, die schwerin.news zum Schluss stellt: Wer braucht den Marienplatz als Gefahrenkulisse — und warum? Die Antwort dürfte am 12. April auf dem Wahlzettel stehen. Mindestens zwei Kandidaten haben offenbar verstanden, dass Angst der beste Wahlhelfer ist. Und dass man dafür nicht mal den sichersten Platz in MV verschonen muss.
Quellen: schwerin.news, NDR
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