Schwerin hat seit diesem Wochenende eine neue Freizeitattraktion: In einem leerstehenden Ladenlokal in der Schelfstadt eröffnete der erste Escape Room der Landeshauptstadt. Das Konzept ist so einfach wie brutal realistisch. Die Teilnehmer haben 90 Minuten Zeit, Schwerin mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu verlassen.
„Wir wollten etwas authentisch Schwerinerisches schaffen“, erklärt Betreiberin Katja Semmler (34). „Und was könnte authentischer sein als der tägliche Überlebenskampf, aus dieser Stadt rauszukommen?“
Vier Straßenbahnlinien, null Chance
Die Teilnehmer starten am Marienplatz und erhalten einen NVS-Fahrplan, eine Karte der vier Straßenbahnlinien und ein nicht aufgeladenes Deutschlandticket. Ziel: Irgendeine Stadt erreichen, die nicht Schwerin ist. Erschwert wird das Ganze durch originalgetreue Hindernisse: ausgefallene Bahnen, die schon mal 25 Prozent des ÖPNV lahmlegen, ein Fahrkartenautomat, der nur Münzen nimmt, und ein Busfahrer, der ausschließlich Plattdeutsch spricht.
„Bisher hat niemand den Raum geschafft“, gibt Semmler zu. „Aber das liegt weniger am Schwierigkeitsgrad als an der Realität. Als wir den Fahrplan eins zu eins übernommen haben, war die Lösung mathematisch unmöglich.“
„Realistischstes Escape-Room-Konzept Deutschlands“
Prof. Dr. Hendrik Wulff vom Rostocker Institut für urbane Mobilität bestätigt die Authentizität: „Schwerin hat vier Straßenbahnlinien, einen Hauptbahnhof ohne ICE-Halt und Busverbindungen, die offenbar mit einem Zufallsgenerator erstellt werden. Dass daraus ein Escape Room wurde, war nach der gescheiterten Arbeitsgruppe gegen Abwanderung nur eine Frage der Zeit.“
Die erste Testgruppe, vier Studierende aus Hamburg, die „mal gucken wollten, wo Schwerin eigentlich liegt“, gab nach 40 Minuten auf. „Wir standen 25 Minuten an einer Haltestelle, an der laut App in sechs Minuten eine Bahn kommen sollte“, berichtet Teilnehmer Jonas K. „Das war realistischer als jedes Horrorspiel.“
„Wir haben nichts erfunden. Alles, was im Escape Room passiert, basiert auf dokumentierten Erfahrungen mit dem Schweriner ÖPNV. Die Realität war gruseliger als alles, was wir uns hätten ausdenken können.“
Katja Semmler, Betreiberin
Erweiterung bereits in Planung
Die Stadtverwaltung reagierte mit einer Pressemitteilung, die nach drei Wochen verschickt wurde. Darin heißt es, Schwerin biete „ein hervorragend ausgebautes Nahverkehrsnetz mit vier modernen Straßenbahnlinien“ und sei „bestens an den Fernverkehr angebunden“. Als Beleg wurde die Regionalexpress-Verbindung nach Hamburg genannt. Fahrzeit: knapp zwei Stunden für 120 Kilometer.
Semmler plant derweil bereits eine Erweiterung: einen zweiten Raum, in dem Teilnehmer versuchen müssen, in Schwerin nach 20 Uhr etwas zu finden, das noch geöffnet hat. „Das wird unser Hardcore-Level„, sagt sie. „Komplett unlösbar. Selbst unsere Tester haben nach zehn Minuten angefangen zu weinen.“
Tickets kosten 29 Euro pro Person. Wer es tatsächlich schafft, die Stadt zu verlassen, bekommt den vollen Preis zurückerstattet. „Das Risiko können wir eingehen“, so Semmler. „In 98.308 Einwohnern hat das noch niemand ohne Auto geschafft.“
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