Kultur

Schwerinerin wird weltberühmt – musste dafür nur Schwerin verlassen

Die gebürtige Schwerinerin Stephanie Lüning hat bei der Kunstbiennale „Minus 20 Degrees“ in Österreich eine Skipiste mit einer Schneekanone bunt eingefärbt. 100.000 Menschen sahen ihr am Centre Pompidou in Paris zu. Das Lübecker Holstentor hat sie eingeseift. Schwerin? Da war sie noch nicht. Aber das überrascht hier niemanden mehr.

Die 47-jährige Aktionskünstlerin wurde 1978 in Schwerin geboren und hat die Landeshauptstadt verlassen – wie geschätzt 47.000 andere zwischen 1990 und heute. Der Unterschied: Die meisten gingen nach Hamburg, um im Einzelhandel zu arbeiten. Lüning ging, um international Kunst zu machen. Das Ergebnis ist das gleiche: Schwerin hat einen Menschen weniger.

Schneekanone als Pinsel, Schwerin als Fußnote

Bei minus zehn Grad rührte Lüning in Flachau hochkonzentrierte Lebensmittelfarbe mit Wasser an. Die Schneekanone zerstäubte das Gemisch zu feinem Nebel, der sich als bunter Schnee auf der Piste absetzte. Kinder rodelten durch die Farben und wurden Teil des Kunstwerks. In Schwerin hätte man für so eine Aktion vermutlich erst 14 Genehmigungen gebraucht und dann trotzdem abgesagt.

„Was ich so spannend finde, ist, dass ich eben nichts mehr unter Kontrolle habe. Ich baue alles auf, präpariere es. Wenn dann die Action losgeht, dann lasse ich los.“

Stephanie Lüning, Aktionskünstlerin – über ihre Kunst, nicht über ihre Entscheidung, Schwerin zu verlassen

Paris, London, Lübeck – aber nicht hier

Die Liste ihrer bisherigen Aktionen liest sich wie ein Reiseführer für alle, die Schwerin verlassen wollen: Centre Pompidou Paris, diverse Locations in London, das Holstentor in Lübeck. Selbst Lübeck hat eine Lüning-Aktion bekommen. Schwerin, die Stadt in der sie geboren wurde und aufwuchs, steht noch nicht auf der Liste.

Auf Anfrage, ob sie auch mal in ihrer Heimatstadt aktiv werden würde, gab es keine Antwort. Vielleicht fehlt der Platz. Vielleicht das Budget. Vielleicht ist der Pfaffenteich zu klein für farbigen Schaum. Oder vielleicht – und das wäre die Schweriner Erklärung – interessiert es hier einfach keinen.

Mecklenburgerin im Herzen, überall sonst im Atelier

Die Landeshauptstadt darf sich trotzdem ein bisschen mitfreuen. Immerhin steht in jeder Pressemitteilung „gebürtige Schwerinerin“. Das ist mehr Aufmerksamkeit, als Schwerin sonst bekommt, wenn nicht gerade das Schloss erwähnt wird. Und wer weiß – vielleicht kommt Lüning ja irgendwann zurück. Zum Beispiel wenn sie eine Aktion plant, bei der sie symbolisch eine sterbende Innenstadt einfärbt.

Bis dahin bleibt Schwerin, was es am besten kann: stolz auf Leute sein, die woanders erfolgreich wurden.

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