Gesellschaft

Schweriner Senioren stürmen Smartphone-Kurse – endlich wissen sie was die Symbole bedeuten

Schwerin – In unserer geliebten Landeshauptstadt gibt es jetzt Smartphone-Kurse für Senioren. Klingt nach Fortschritt, ist aber eher Schadensbegrenzung: Wenn fast jeder vierte Einwohner über 65 ist, muss man irgendwann reagieren. Willkommen in Schwerin, wo die Demografie die Stadtplanung überholt hat.

Die Silversurfer nennen sich die ehrenamtlichen Helfer, die jetzt anderen Senioren erklären, wie man telefoniert ohne aus Versehen die Kamera zu öffnen. Oder wie man eine Nachricht schreibt, ohne sie an den falschen Kontakt zu senden. Die Nachfrage ist enorm. Kein Wunder: Wenn die Enkel nach Hamburg, Berlin oder Rostock abgewandert sind, bleibt WhatsApp die einzige Verbindung.

Qualifizierung in fünf Tagen

Helmut Breitag (77) ist einer dieser Silversurfer. Seit seiner Pensionierung erklärt er Altersgenossen die digitale Welt. Fünf Tage Qualifizierung, dann ist man offiziell „Senioren-Technik-Botschafter“. Ein Titel, der auf keiner Visitenkarte fehlen sollte – falls man noch weiß, was eine Visitenkarte ist.

Es macht mich glücklich, wenn Senioren nach den Kursen stolz auf sich sind, weil ihr Smartphone plötzlich kein Rätsel mehr ist.

Helmut Breitag, qualifizierter Silversurfer

Im Digitalcafé hielt kürzlich jemand einen Vortrag zu „künstlicher Intelligenz im Alltag“. Mit praktischen Beispielen: Behördenbriefe formulieren, Fotos bearbeiten. Das ist in Schwerin besonders nützlich, weil das städtische Bürgeramt digital etwa so aufgestellt ist wie ein Faxgerät mit Wackelkontakt.

Symptombehandlung statt Ursachenforschung

Die Kurse finden am Busbahnhof statt, wo Senioren lernen, eine Fahrkarte per Smartphone zu kaufen. Praktisch, denn der NVS hat seine Ticketautomaten seit Jahren nicht mehr aktualisiert. In einer Stadt, deren ÖPNV-Netz seit 1984 nicht erweitert wurde, ist jede Form von digitalem Fortschritt ein kleines Wunder.

Das Seniorenbüro sucht weitere Silversurfer. Die Qualifizierung kostet nichts, bringt aber auch nichts – außer dem guten Gefühl, in einer Stadt auszuhelfen, die ihre demografische Entwicklung noch immer als „Herausforderung“ bezeichnet statt als das, was sie ist: ein Strukturproblem. Durchschnittsalter 47,6 Jahre. Höher als in jeder anderen Landeshauptstadt Deutschlands. Aber hey, wir haben jetzt Smartphone-Kurse.

Quelle: Ostsee-Zeitung

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