Schwerin. In einer beispiellosen Eskalation hat das Schweriner Schloss am Dienstag über seinen Anwalt eine offizielle Erklärung an die Stadtverwaltung übermitteln lassen. Darin droht das Bauwerk, das seit Jahrzehnten allein für das gesamte Stadtmarketing, den Tourismus und die kulturelle Identität der Landeshauptstadt zuständig ist, mit sofortiger Niederlegung seiner Funktionen.
„Mein Mandant ist am Limit“, erklärte Fachanwalt Dr. Henning Giebel-Prütz bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz am Pfaffenteich. „Seit 1857 trägt das Schloss die gesamte Außenwirkung dieser Stadt. Jede Postkarte, jeder Kühlschrankmagnet, jede Pressemitteilung, jede Tourismusbroschüre. Das ist kein Arbeitsvertrag, das ist Ausbeutung.“
Burnout nach 168 Jahren Alleinverantwortung
Laut dem Ultimatum hat das Schloss der Stadt eine Frist bis zum 1. April gesetzt, mindestens eine weitere Sehenswürdigkeit von überregionaler Bedeutung zu errichten. Andernfalls werde es „sämtliche repräsentativen Tätigkeiten einstellen“ und sich ausschließlich als Landtagsgebäude ohne touristische Funktion betrachten.
Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum zeigte sich bestürzt. „Wir haben dem Schloss doch erst 2024 den UNESCO-Welterbe-Status besorgt. Das war quasi eine Gehaltserhöhung.“ Das Schloss soll darauf über seinen Anwalt geantwortet haben: „Noch mehr Verantwortung bei gleicher Unterstützung ist keine Gehaltserhöhung, das ist eine Frechheit.“
„Ich bin ein Renaissanceschloss, kein Ein-Mann-Betrieb. In Potsdam teilen sich Sanssouci, Cecilienhof und das Neue Palais die Arbeit. In Schwerin bin ich Schloss, Museum, Wahrzeichen, Fotomotiv und Stadtidentität gleichzeitig. Ich bin nicht mal versichert gegen Überarbeitung.“
Aus der Erklärung des Schweriner Schlosses
Die Stadtverwaltung reagierte mit der Einberufung einer interfraktionellen Arbeitsgruppe „Sehenswürdigkeits-Diversifizierung“, die bis 2029 erste Handlungsempfehlungen vorlegen soll. Ein Sprecher betonte, man nehme die Sorgen des Schlosses „sehr ernst“ und habe bereits eine Bestandsaufnahme alternativer Attraktionen in Auftrag gegeben.
Bestandsaufnahme ergibt: Pfaffenteich
Die vorläufigen Ergebnisse der Analyse fielen ernüchternd aus. Als potenzielle Entlastung wurden der Pfaffenteich („im Grunde ein großer Teich“), das Staatstheater („kennt außerhalb von MV niemand“) und der Fernsehturm auf dem Dreesch („steht da, macht aber nichts“) identifiziert. Die Dezernentin für Proaktive Resignation, Kerstin Werle-Damnitz, gab zu bedenken: „Wir könnten natürlich den Zwei-Stunden-Touristenguide auf drei Stunden strecken. Aber dafür bräuchten wir halt Inhalte.“
Besonders pikant: Laut einer internen Erhebung des Stadtmarketings enthält jede dritte Pressemitteilung der Stadt das Wort „Schloss“. Bei Instagram-Posts sind es 71 Prozent. Der Hashtag #Schwerin liefert auf den ersten zwanzig Ergebnissen ausschließlich Schlossfotos aus identischen Perspektiven.
Der Vorsitzende des Tourismusverbands Schwerin, Jörg-Ulrich Prenzloff, versuchte zu beruhigen: „Andere Städte haben auch nur eine Sache. Pisa hat den schiefen Turm, Paris hat den Eiffelturm.“ Auf den Einwand, dass Paris durchaus weitere Sehenswürdigkeiten habe, sagte er: „Paris hat auch acht Millionen Einwohner. Relativ gesehen stehen wir mit unserem Schloss pro Kopf deutlich besser da.“
Das Schloss selbst war für eine Stellungnahme am Nachmittag nicht mehr erreichbar. Laut Augenzeugen hatte es die Vorhänge zugezogen.
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