Schwerin. Was als stiller Protest gegen die tägliche Pendelstrecke begann, hat nun amtliche Formen angenommen: 47 Berufspendler, die täglich den Regionalexpress RE1 zwischen Schwerin und Hamburg nutzen, haben beim Innenministerium in Schwerin die Gründung einer eigenständigen Kommune beantragt. Ihr Name: „Gemeinde Fahrendes Schwerin“. Sitz der Verwaltung: Wagen 3, Reihe 12 bis 18.
„Wir verbringen pro Woche mehr Lebenszeit in diesem Zug als in Schwerin selbst“, erklärt Initiator und frisch gewählter Bürgermeister Detlef Kranzberger (parteilos), während er zwischen Hagenow und Büchen sein Amtsblatt layoutet. „Irgendwann haben wir gemerkt: Wir sind keine Pendler mehr. Wir sind Einwohner dieses Zuges.“
Standesamt im Bordbistro, Einwohnermeldeamt am Klapptisch
Die Gemeindestruktur steht bereits. Im ehemaligen Bordbistro, das die Deutsche Bahn aus Kostengründen ohnehin geschlossen hatte, wurde ein provisorisches Rathaus eingerichtet. Dort können Pendler sich ummelden, Geburtsurkunden beantragen und donnerstags zwischen 7:14 und 7:38 Uhr heiraten. „Das Zeitfenster reicht“, versichert Kranzberger. „In Schwerin dauern Verwaltungsvorgänge deutlich länger.“
Die Gemeinde verfügt laut eigener Auskunft über 47 Einwohner, einen Kindergarten (Abteil 7, Ruhebereich wurde aufgehoben), eine Bibliothek (die zurückgelassenen Zeitungen der Frühschicht) sowie ein reges kulturelles Leben. Jeden Dienstag findet im Großraumwagen ein Literaturkreis statt, der allerdings regelmäßig durch Fahrkartenkontrolleure unterbrochen wird.
„Schwerin hat vier Straßenbahnlinien und nennt sich Landeshauptstadt. Wir haben eine Schiene und mehr Gemeinschaftsgefühl als die gesamte Altstadt nach 19 Uhr.“
Detlef Kranzberger, Bürgermeister der Gemeinde Fahrendes Schwerin
Das Innenministerium reagierte verhalten. Ein Sprecher teilte mit, man prüfe den Antrag „mit der gebotenen Sorgfalt“, was in Mecklenburg-Vorpommern bekanntlich zwischen acht Monaten und der Unendlichkeit bedeuten kann. Juristische Bedenken gebe es vor allem bezüglich der fehlenden Postleitzahl. Die Gemeinde hat bereits eine beantragt: 19061,5 — als Mittelwert zwischen Schwerin und Hamburg.
Wirtschaftsförderung auf 160 km/h
Besonders brisant: Die Gemeinde Fahrendes Schwerin plant, sich als Wirtschaftsstandort zu positionieren. „Wir haben schnelleres WLAN als ganz Schwerin-Weststadt und einen direkten Gleisanschluss, was mehr ist, als der Schweriner Hauptbahnhof bald von sich behaupten kann„, so die Dezernentin für Infrastruktur und Sitzplatzreservierung, Heike Wollbrandt-Evers.
Erste Unternehmen haben bereits Interesse angemeldet. Ein Hamburger Start-up will im Gepäckfach über den Sitzen ein Coworking-Space einrichten. Die Miete: 4,80 Euro pro Quadratmeter und Streckenkilometer. „Immer noch günstiger als Hamburg“, heißt es aus der Geschäftsführung.
Die Stadt Schwerin sieht die Entwicklung mit Sorge. Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum warnte, ein weiterer Verlust von Einwohnern an alternative Lebensmodelle könne die ohnehin angespannte Haushaltslage verschärfen. Die Stadtverwaltung prüfe derzeit, ob die Pendler trotz Wohnsitz im Zug weiterhin Grundsteuer in Schwerin zahlen müssen.
Bürgermeister Kranzberger bleibt gelassen. „Wenn Schwerin möchte, dass wir bleiben, soll die Stadt einfach den Zug nicht mehr losfahren lassen. Ach, Moment — das passiert ja schon regelmäßig.“
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