In Schwerin gibt es eine Spezies, die seltener wird als der Fischotter im Schweriner See: den Optimisten. Gemeint ist nicht der Tourist, der das Schloss fotografiert und Oh, wie schön! ruft, bevor er nach zwei Stunden weiterfährt. Gemeint ist der Mensch, der in Schwerin lebt, die Probleme kennt und trotzdem sagt: Das wird schon.
Man erkennt den Schweriner Optimisten an bestimmten Sätzen Ähnlich wie bei Wetter in Schwerin: 300 Tage grau. Die Innenstadt belebt sich gerade wieder. (Drei neue Geschäfte haben aufgemacht, sieben haben geschlossen.) Mit der Schloss-Bewerbung kommt Schwung rein. (Die UNESCO-Bewerbung läuft seit über einem Jahrzehnt.) Die jungen Leute kommen zurück. (47 Nettozuzug im letzten Jahr, Durchschnittsalter der Zugezogenen: 52.)
Anatomie einer Hoffnung
Der Schweriner Optimismus ist kein grundloser Glaube Ähnlich wie bei Nach Luxus-Ausflug nach Potsdam: Schwerins legendäres Einhorn kehrt zurück – und zieht wieder mehr Besucher als der Zoo. Er ist ein Überlebensmechanismus. Wer in einer Stadt mit schrumpfender Bevölkerung, fehlender Infrastruktur und einem Arbeitsmarkt aus Landesverwaltung und Altenpflege lebt, hat genau zwei Optionen: gehen oder glauben. Wer bleibt, muss glauben. Sonst hält man es nicht aus.
Und so entsteht eine Form von Optimismus, die weniger mit Zuversicht zu tun hat als mit Verdrängung Ähnlich wie bei Schwerin definiert Kultur neu: Modellbahn-Ausstellung ist jetzt offiziell kultureller Höhepunkt der Winterferien. Man feiert den neuen Fahrradweg am Pfaffenteich, während drei Straßen weiter ein Wohnblock leersteht. Man schwärmt vom Schlosspark, während die Jugend das Stadtgebiet verlässt. Man verweist auf den See, als wäre Natur ein Argument gegen Strukturprobleme.
Ich bin Optimist. Das muss ich sein. Wenn ich realistisch wäre, müsste ich meinen Laden zumachen. Aber meine Eltern hatten den Laden schon, und bevor ich aufgebe, mache ich lieber die Augen zu.
Frank Meisner, 57, Inhaber eines Schreibwarengeschäfts in der Schweriner Altstadt
Die Bleibenden und die Gegangenen
Man muss die Schweriner Optimisten in Kontext setzen. Seit 1990 hat Schwerin rund 30.000 Einwohner verloren. 30.000 Menschen, die mit den Füßen abgestimmt haben. Die nach Hamburg gezogen sind, nach Berlin, nach Rostock, nach irgendwo, wo es Arbeit gibt und abends noch Licht brennt. Jeder dieser 30.000 war einmal ein potenzieller Optimist. Jeder hat sich entschieden, dass Hoffen nicht reicht.
Wer geblieben ist, hat Gründe. Familie. Eigentum. Alter. Bequemlichkeit. Manchmal auch echte Überzeugung. Die Frage ist, welche dieser Gründe den Optimismus tragen und welche ihn nur kaschieren. Wer bleibt, weil die Eltern gepflegt werden müssen und das Haus abbezahlt ist, der ist kein Optimist. Der ist pragmatisch. Optimist ist, wer bleibt, obwohl er gehen könnte. Und diese Art wird selten.
Die Jungen gehen nach dem Abitur. Das ist keine Anekdote, das ist Statistik. Von den Schulabgängern der Schweriner Gymnasien bleiben die wenigsten in der Stadt. Es gibt keinen Grund zu bleiben. Keine Universität, keine Ausbildungsplätze in zukunftsfähigen Branchen, keine Szene, keine Perspektive. Komm mal nach Hamburg, sagt der Freund, der schon weg ist. Und zwei Monate später ist der nächste weg.
Was Optimismus braucht
Echter Optimismus braucht eine Grundlage. Er braucht etwas, worauf er aufbauen kann. Einen neuen Arbeitgeber, der 500 Stellen schafft. Eine Hochschule, die junge Menschen in die Stadt bringt. Eine Bahnverbindung, die Schwerin mit der Welt verbindet. Irgendetwas Konkretes, Messbares, Reales.
Was Schwerin stattdessen bietet, sind Versprechen. Die UNESCO-Bewerbung wird alles ändern. Die Ansiedlungspolitik zeigt erste Erfolge. Die Innenstadtentwicklung geht in die richtige Richtung. Es sind Sätze aus Pressemitteilungen, die man seit 15 Jahren in leicht variierter Form liest. Sie klingen immer gleich. Und sie bewirken immer gleich wenig.
Mein Vater hat 1995 gesagt, Schwerin wird sich erholen. Mein Vater ist letztes Jahr gestorben. Schwerin hat sich nicht erholt. Aber die Pressemitteilungen sind immer besser geworden.
Kathrin Schröder, 41, aufgewachsen in Schwerin, lebt seit 2004 in Hamburg
Der Schweriner Optimismus ist keine bedrohte Art, weil die Menschen aufgehört haben zu hoffen. Er ist bedroht, weil die Menschen aufgehört haben, an die Grundlage der Hoffnung zu glauben. Wenn der Glaube an die Stadt stirbt, geht nicht zuerst das Vertrauen. Zuerst gehen die Jungen. Dann die Fachkräfte. Dann die Geschäfte. Am Ende bleiben die Rentner am Pfaffenteich, füttern die Schwäne und erzählen sich gegenseitig, wie schön Schwerin früher war.
Optimismus braucht Grundlage, nicht nur Gewohnheit. Und in Schwerin verwechseln immer mehr Menschen das eine mit dem anderen.
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