Es gibt Momente, in denen eine Behoerde so viel Ehrlichkeit beweist, dass man kurz vergisst, dass man eigentlich erschrocken sein sollte. Das Jobcenter Schwerin hat vergangene Woche einen solchen Moment produziert. In einer internen Dienstanweisung, die dem Vernehmen nach versehentlich als Pressemitteilung versendet wurde, empfiehlt die Behoerde Bewerberinnen und Bewerbern unter 35 Jahren, ihre Jobsuche „zukunftsorientiert zu regionalisieren“ — konkret: sich in Hamburg zu bewerben. Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommern hat damit offiziell aufgehoert, so zu tun, als haette sie einen Arbeitsmarkt fuer junge Fachkraefte.
„Wir bieten seit Jahren ein ehrliches Beratungsgespraech an“, erklaerte Amtsleiterin Dr. Hildegard Steinbach-Moor auf Nachfrage. „Und ein ehrliches Gespraech beinhaltet mittlerweile den Hinweis, dass Schwerin in bestimmten Branchen strukturell nicht konkurrenzfaehig ist.“ Bestimmte Branchen bedeute in diesem Fall: Technologie, Medien, Beratung, Gastronomie mit Zukunft, Kreativwirtschaft und alles, wofuer man ein schnelles Internet benoetigt.
Das Angebot: Umzugsberatung statt Stellenvermittlung
Ab sofort soll jede Beratungssitzung fuer Bewerber unter 35 einen sogenannten „Perspektivcheck Mobilitat“ beinhalten. Dabei werden laut Dienstanweisung drei Szenarien durchgespielt: Erstens, der Verbleib in Schwerin mit realistischen Berufsaussichten (Pflegeheim, Landesverwaltung, Kressmann-Haushaltswarenabteilung). Zweitens, der Pendlerweg nach Hamburg, den viele Schweriner bereits als zweiten Wohnsitz betrachten. Drittens, der vollstaendige Wegzug, fuer den das Jobcenter kuenftig sogar eine Checkliste bereitstellt — Titel: „Schwerin verlassen: So gelingt der Neustart“.
„Ich habe 14 Jahre Berufserfahrung in der IT. Das Jobcenter hat mir drei Stellenangebote gemacht: Sachbearbeiter Rentenbehoerde, Pflegehilfskraft mit Umschulung, und Aushilfe beim Winterdienst. Dann haben sie mir den Hamburger Berufsberatungsflyer gegeben. Das war ehrlicher als alles, was ich vorher gehoert hatte.“
Markus T., 33, Softwareentwickler, derzeit noch in Schwerin
Die Stadtvertretung reagierte verhalten. Interims-OB Bernd Nottebaum sprach von einem „Kommunikationsfehler im Jobcenter“, der „so nicht haette nach aussen dringen sollen“. Auf die Frage, ob die inhaltliche Empfehlung falsch sei, schwieg er fuer 11 Sekunden, bevor er auf „die strukturellen Herausforderungen des Arbeitsmarktes in wachstumsgehemmten Regionen“ verwies. Das Wort „Schwerin“ fiel dabei nicht.
Abwanderungsforschung trifft Praxis
Bemerkenswert ist die Massnahme vor allem deshalb, weil die Stadt Schwerin zeitgleich — und ohne erkennbare Ironie — versucht, die Abwanderung zu bremsen. Der eingerichtete Lehrstuhl fuer Abwanderungsforschung ist inzwischen vakant, nachdem der berufene Professor vor Antritt nach Leipzig zog. Das Jobcenter hingegen hat offenbar beschlossen, die Abwanderung nicht laenger zu bremsen, sondern zu professionalisieren.
In der Dienstanweisung heisst es woertlich, der neue Ansatz sei „wuerdewahrend“. Statt Bewerbern Jobs anzubieten, die es nicht gibt, solle man ihnen „echte Optionen“ aufzeigen. Als echte Option gilt demnach Hamburg in 117 Minuten, Berlin in 3,5 Stunden, oder — fuer besonders Mutige — der Verbleib in Schwerin mit „bewusster Entscheidung fuer Entschleunigung“, was intern offenbar als Euphemismus fuer Resignation gilt.
„Wir begleiten Menschen in ihrer Lebensplanung. Und manchmal gehoert zur Lebensplanung eben auch, die Landeshauptstadt zu verlassen. Das ist kein Versagen — das ist Realismus.“
Dr. Hildegard Steinbach-Moor, Amtsleiterin Jobcenter Schwerin (fiktiv)
Auf die Frage, ab welchem Alter die Empfehlung wieder zugunsten Schweins ausfalle, antwortete Steinbach-Moor ohne zu zoegern: „Ab 58 haben wir hier wirklich gute Angebote.“
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