Gesellschaft

Schweriner Friedhof meldet mehr Neuzugänge als Einwohnermeldeamt — Oberbürgermeisterin spricht von „alternativem Wachstum“

Schwerin. In einer Pressekonferenz, die ursprünglich die neuen Bevölkerungszahlen feiern sollte, kam am Dienstag eine Statistik ans Licht, die selbst hartgesottene Demografen kurz schlucken ließ: Der Alte Friedhof an der Obotritenring hat 2025 mehr Neuzugänge verzeichnet als das Einwohnermeldeamt der Landeshauptstadt. Konkret stehen 1.247 Bestattungen 1.183 Neuanmeldungen gegenüber.

Friedhofsverwaltung bittet um Aufstockung des Personals

Friedhofsleiter Günther Maaß sprach von einer „historischen Trendwende“. Man habe bereits Anfang Oktober einen Aufnahmestopp befürchten müssen, als die Grabverfügbarkeit unter 15 Prozent fiel. „Wir mussten improvisieren. Im Bereich C-Süd haben wir die Wege verschmälert, um Platz für neue Reihen zu schaffen. Das Einwohnermeldeamt hat solche Probleme nicht.“

„Die Zahlen sind eindeutig. Der Friedhof ist derzeit der dynamischste Wachstumsbereich der Stadt. Wenn sich der Trend fortsetzt, überholt er bis 2030 auch den Parkplatz vom Sieben-Seen-Center als meistbesuchten Ort Schwerins.“

Dr. Ute Krammler, Dezernentin für Demografie und Nachwuchsplanung

Im Rathaus reagierte man auf die Zahlen mit der in Schwerin üblichen Mischung aus Entsetzen und Umdeutung. Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum bezeichnete die Entwicklung in einem schriftlichen Statement als „alternatives Wachstum, das die Attraktivität Schwerins als lebenslanger Standort unterstreicht“. Man sei stolz, dass so viele Menschen Schwerin als letzten Wohnsitz wählten.

Die Pressestelle legte nach: Schwerin sei damit „die führende Landeshauptstadt im Bereich der finalen Niederlassung“. Ein Vergleich mit anderen Städten zeige, dass Schwerin „überproportional hohe Bindungswerte im Segment 65 plus“ aufweise. Leipzig, Erfurt und Potsdam könnten von solcher Standorttreue nur träumen.

Stadtmarketing plant Kampagne: „Schwerin. Für immer.“

Das Stadtmarketing arbeitet bereits an einer Imagekampagne, die den demografischen Wandel positiv rahmen soll. Unter dem Arbeitstitel „Schwerin. Für immer.“ sollen Plakate in Hamburg und Berlin junge Familien ansprechen, die „einen Ort suchen, an dem wirklich Ruhe herrscht“. Die Motive zeigen das Schweriner Schloss bei Sonnenuntergang, darunter der Slogan: „98.000 Menschen können sich nicht irren. Und 1.247 von ihnen bleiben garantiert.“

„Ich hab den Friedhof letztens besucht. Sonntagnachmittag, mehr los als in der ganzen Innenstadt. Die haben da sogar eine bessere Gastronomie, da steht ein Kaffeeautomat.“

Renate W. (72), Rentnerin aus Lankow

Der Dezernent für Stadtentwicklung wies unterdessen darauf hin, dass die Friedhofszahlen bei der Beantragung von Fördermitteln durchaus „kreativ eingesetzt“ werden könnten. „Die Bundesregierung fördert wachsende Kommunen. Wenn wir die Friedhofszugänge als dauerhafte Niederlassungen deklarieren, kommen wir vielleicht wieder über die 100.000er-Grenze.“ Die juristische Prüfung laufe.

Google hat die Adresse des Alten Friedhofs inzwischen als „Trendviertel“ gelistet. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei 847 Jahren.

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