Schwerin, die Stadt der sieben Seen und null Ideen, hat jetzt doch eine: Seethermie. Das Konzept klingt, als hätte jemand bei der kommunalen Wärmeplanung zu viel Science-Fiction gelesen und zu wenig Excel-Tabellen. Man nehme vier Grad kaltes Seewasser, pumpe es durch eine Wärmepumpe und heize damit ganze Stadtteile. Technisch machbar, wirtschaftlich fragwürdig, aber hey — Schwerin hat schon größere Projekte in den Sand gesetzt.
60 Gigawattstunden Potenzial, 8 Prozent Begeisterung
Die kommunale Wärmeplanung beziffert das Seethermie-Potenzial auf satte 60 GWh — genug für rund 7.500 Wohnungen. Allerdings bewertet dieselbe Planung die Eignung mit „niedrig“. Das ist in Schwerin-Sprache ungefähr so wie „wir haben die Idee mal aufgeschrieben, damit der Bericht dicker aussieht“. Acht Prozent des Fernwärmebedarfs könnte man damit decken. Die restlichen 92 Prozent kommen weiterhin aus dem bewährten Mix aus Hoffnung und Fördermittelanträgen.
„Seethermie hat Potenzial. Aber Klärwasser hat mehr. Und kostet weniger. Und riecht… naja, anders.“ — Aus der kommunalen Wärmeplanung, sinngemäß
Denn während Schwerin noch überlegt, ob man die Seen anzapfen sollte, hat man längst eine Alternative identifiziert: eine Wärmepumpe am Klärwerk. 66 GWh Potenzial, Bewertung: „gut“. Temperaturstabiler, näher an der Infrastruktur, weniger Bürokratie. Aber halt auch weniger romantisch als „Schwerin heizt mit seinen berühmten Seen„. Marketing-technisch ist Klärwasser einfach ein härterer Sell.
Am Bodensee geht’s, in Schwerin wird erstmal geprüft
Während Schwerin noch die Machbarkeitsstudie der Machbarkeitsstudie prüft, baut Meersburg am Bodensee bereits die erste Seethermie-Anlage. Konstanz, Friedrichshafen, Radolfzell planen nach. In der Schweiz sind fünf Kraftwerke in Planung, die zehn Prozent des kantonalen Wärmebedarfs decken sollen. Aber klar — die haben ja auch Berge und Geld und funktionierende Internetleitungen.
Schwerin hat immerhin seit 2023 eine Geothermie-Anlage in Lankow, die aus 1.300 Metern Tiefe 56 Grad warmes Thermalwasser fördert und 15 Prozent des Fernwärmebedarfs deckt. Die wurde damals von Bundeskanzler Scholz persönlich eingeweiht — vermutlich der letzte Prominente, der freiwillig nach Schwerin gekommen ist. 7.500 Tonnen CO₂ werden jährlich eingespart. Das klingt beeindruckend, bis man erfährt, dass allein die Dauer-Baustellen in der Innenstadt das Dreifache an Nerven kosten.
Das zentrale Problem: Seewasser hat vier Grad, das Fernwärmenetz braucht 80 bis 130 Grad. Ein Temperatursprung, für den man entweder sehr viel Strom oder sehr viel Optimismus braucht.
Die Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung sollen im ersten Halbjahr 2026 vorgestellt werden. Bis dahin dürfen Schwerins Bürger weiter mit dem heizen, was sie am besten können: der leisen Wut über ihre Landeshauptstadt.
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