Es war ein Dienstag im März, als die Pressestelle der Landeshauptstadt Schwerin eine Mitteilung verschickte, die es in sich hatte. Überschrift: „Schwerin wächst weiter – positive Bevölkerungsentwicklung setzt sich fort.“ Man hätte meinen können, die Stadt platze aus allen Nähten. Neue Stadtviertel werden hochgezogen. Schulen überfüllt. Wohnungsmarkt am Limit. Die Realität hinter der Jubelmeldung: Ein Zuzugsplus von 127 Personen im Vorjahr. 127 Menschen. In einer Stadt mit 98.308 Einwohnern. Das ist eine Wachstumsrate von 0,13 Prozent.
Zum Vergleich: Wenn in Leipzig 127 Menschen zuziehen, merkt das nicht einmal die Kantine der Stadtverwaltung. In München sind das die Besucher einer einzigen Wohnungsbesichtigung. Aber in Schwerin reicht es für eine Pressemitteilung mit Zitat des Oberbürgermeisters und der Formulierung „erfreulicher Trend“.
Die Alchemie der Verwaltungskommunikation
Die Pressestelle der Stadt Schwerin hat über die Jahre eine Kunstform perfektioniert, die man als kommunale Realitätstransformation bezeichnen könnte. Es ist die Fähigkeit, aus jedem noch so dürftigen Datenpunkt eine Erfolgsmeldung zu destillieren. Die Technik ist simpel: Man nehme eine Zahl. Man löse sie aus ihrem Kontext. Man verpacke sie in Adjektive wie „erfreulich“, „positiv“ oder „zukunftsweisend“. Und man schicke das Ganze an die Schweriner Volkszeitung, die es pflichtschuldig abdruckt.
12 neue Gewerbeanmeldungen im Quartal? „Gründergeist in Schwerin ungebrochen.“ Ein Café eröffnet am Marienplatz? „Innenstadtbelebung zeigt Wirkung.“ Drei Familien ziehen nach Lankow? „Schwerin wird als Wohnort für junge Familien immer attraktiver.“ Das Muster ist so zuverlässig wie die Verspätung des Regionalexpress nach Hamburg.
Ich habe die Pressemitteilung gelesen und dachte, ich wohne in einer anderen Stadt. ‚Schwerin wächst‘ – wo denn? Im Dreesch stehen halbe Blöcke leer. Am Marienplatz ist jeder dritte Laden dicht. Aber klar, irgendwo ist jemand zugezogen. Wahrscheinlich aus Versehen.
Sandra Köhler, 38, Einzelhändlerin aus der Schweriner Altstadt
Was die Pressemitteilung verschweigt
Die Kunst der kommunalen PR liegt nicht in dem, was sie sagt, sondern in dem, was sie weglässt. Ja, 127 Menschen sind zugezogen. Was die Mitteilung nicht erwähnt: Wie viele davon unter 30 sind. Wie viele über 65. Ob sie aus eigenem Antrieb kamen oder weil in Schwerin die Mieten so niedrig sind, dass man sich die Frage „Wollen wir wirklich in die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands ziehen?“ mit dem Argument „Dafür zahlen wir nur 6,50 pro Quadratmeter“ beantworten kann.
Die Mitteilung erwähnt auch nicht den Altersschnitt der Bevölkerung, der kontinuierlich steigt. Nicht die Zahl der 18- bis 25-Jährigen, die Schwerin jedes Jahr verlassen, weil die Stadt ihnen nichts bietet außer Tretbootfahren auf dem Pfaffenteich und vier Straßenbahnlinien. Nicht die leerstehenden Wohnungen im Großen Dreesch und in Mueßer Holz. Nicht die geschlossenen Geschäfte. Nicht die fehlende Perspektive.
Schwerin wächst ist keine Lüge. Es ist etwas Schlimmeres: eine Halbwahrheit, verpackt als Erfolgsgeschichte. Und Halbwahrheiten sind das Gift jeder ehrlichen Debatte über die Zukunft einer Stadt.
Das System der schönen Worte
Es geht nicht nur um eine einzelne Pressemitteilung. Es geht um ein System. Die Verwaltung kommuniziert seit Jahren nach dem gleichen Prinzip: Jeder Funke wird zum Feuerwerk erklärt. Jeder Tropfen zum Regen. Jede Stagnation zur Stabilisierung. Und jeder Rückgang wird entweder gar nicht kommuniziert oder als „Konsolidierung“ verkauft.
Die UNESCO-Welterbe-Bewerbung für das Schloss? Wird seit Jahren als epochaler Durchbruch angekündigt, obwohl der tatsächliche Status irgendwo zwischen „eingereicht“ und „nicht abgelehnt“ liegt. Der Tourismus? „Rekordniveau“ – was bei Schwerin bedeutet, dass die Besucher jetzt im Schnitt zweieinhalb statt zwei Stunden bleiben, bevor sie weiterfahren. Die Wirtschaftsförderung? „Dynamisch“ – was heißt, dass jemand eine neue PowerPoint-Präsentation erstellt hat.
Wir setzen auf eine transparente und faktenbasierte Kommunikation. Die Bevölkerungsentwicklung gibt Anlass zu verhaltenem Optimismus.
Aus einer fiktiven, aber erschreckend realistischen Pressemitteilung der Stadt Schwerin
Verhaltener Optimismus. Zwei Worte, die Schwerin perfekt zusammenfassen. Nicht genug Substanz für echten Optimismus. Aber genug Angst vor der Wahrheit, um nicht einfach zu sagen, wie es ist.
Wie es ist: Schwerin ist eine schrumpfende Stadt mit 98.308 Einwohnern, die verzweifelt versucht, die symbolische 100.000er-Grenze zurückzuerobern. Eine Stadt, deren junge Menschen abwandern. Deren Infrastruktur bröckelt. Deren einziges überregional bekanntes Merkmal ein Schloss ist, das dem Landtag gehört. Das alles könnte man ehrlich kommunizieren. Man könnte sagen: Wir haben Probleme. Große Probleme. Und dann könnte man anfangen, sie zu lösen.
Stattdessen gibt es Pressemitteilungen. Und die lösen genau so viel wie der verhaltene Optimismus, den sie verbreiten: nichts.
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