Es gibt Rivalitäten, die auf Augenhöhe stattfinden. FC Bayern gegen Dortmund. Hamburg gegen München. Berlin gegen alle. Und dann gibt es Schwerin gegen Rostock. Das ist keine Rivalität. Das ist ein Größenvergleich zwischen einem Schäferhund und einem Chihuahua, bei dem der Chihuahua behauptet, er sei mindestens gleichwertig.
Schwerin, 98.308 Einwohner. Rostock, 210.000. Schwerin, keine Universität. Rostock, Volluniversität seit 1419. Schwerin, Schweriner See. Rostock, die Ostsee. Man könnte hier aufhören. Aber das wäre zu gnädig.
Die Zahlen lügen nicht, sie demütigen
Rostock ist nicht einfach größer als Schwerin. Rostock ist doppelt so groß. Das ist kein Unterschied, das ist eine andere Liga. In Rostock leben mehr Studierende als Schwerin Einwohner unter 30 hat. Rostock hat einen Hafen, eine Werft, eine Kreuzfahrt-Industrie. Schwerin hat den Landtag. Der sitzt im Schloss und entscheidet dort Dinge, die vor allem Rostock betreffen.
Die Wirtschaftskraft pro Kopf? Rostock vorne. Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft? Rostock vorne. Kulturangebote pro Einwohner? Rostock vorne. Schwerin führt genau eine Statistik an: Durchschnittsalter der Bevölkerung. Da sind wir Spitze. Herzlichen Glückwunsch, Landeshauptstadt.
Rostock hat alles, was Schwerin gerne hätte. Aber wir haben das Schloss. Das muss man auch mal sagen dürfen.
Heike Langkamp, 63, Schwerin-Patriotin und Ehrenamtliche im Heimatverein
Strand gegen See, Uni gegen Staatstheater
Der brutalste Vergleich ist der einfachste: Wenn junge Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern eine Stadt zum Leben suchen, ziehen sie nach Rostock. Oder nach Hamburg. Oder nach Berlin. Schwerin kommt in dieser Überlegung ungefähr so oft vor wie Neubrandenburg. Das ist nicht böse gemeint. Das ist eine Tatsache, die man an der Bevölkerungspyramide der Landeshauptstadt ablesen kann wie an einem medizinischen Befund.
Rostock hat Warnemünde. Schwerin hat Zippendorf. In Warnemünde gibt es eine Promenade, internationale Kreuzfahrtschiffe und einen Leuchtturm, den man aus Filmen kennt. In Zippendorf gibt es einen Kiosk, der im Winter geschlossen hat, und einen Strand, der bei Regen aussieht wie eine verlassene Filmkulisse. Unsere Riviera, sagen die Schweriner. Ohne Ironie. Das ist das Erschreckende.
Rostock hat die Hanse Sail, eines der größten maritimen Volksfeste Europas. Schwerin hat das Altstadtfest. Rostock hat den IGA-Park. Schwerin hat die Erinnerung an die Bundesgartenschau 2009. Rostock hat eine lebendige Club- und Kulturszene. Schwerin hat das Staatstheater und danach eine bemerkenswerte Stille.
Warum der Vergleich wehtut
Schwerin ist nicht schlecht, weil Rostock existiert. Schwerin ist schlecht dran, weil es Landeshauptstadt ist und trotzdem in jeder relevanten Kategorie hinter einer Stadt liegt, die nicht mal Landeshauptstadt ist. Stellen Sie sich vor, Mainz wäre in allem schlechter als Koblenz. Oder Hannover würde gegen Braunschweig verlieren. Genau das passiert hier. Jeden Tag.
Die Schweriner reagieren darauf mit einer Mischung aus Trotz und Verdrängung. Man betont die Lebensqualität. Die Ruhe. Die Natur. Was man nicht betont: Dass Ruhe auch ein anderes Wort für Stillstand sein kann. Dass Natur auch dann schön ist, wenn alle wegziehen. Dass Lebensqualität schwer zu messen ist, wenn der letzte Club vor zehn Jahren zugemacht hat.
Ich bin nach Rostock gezogen zum Studieren. Geplant waren vier Jahre. Das war 2011. Ich war seitdem genau zweimal in Schwerin. Einmal zur Beerdigung meiner Oma.
Lukas B., 32, gebürtiger Schweriner, wohnhaft in Rostock
Der Vergleich Schwerin-Rostock ist kein sportlicher Wettbewerb. Es ist ein Befund. Rostock wächst, Schwerin schrumpft. Rostock zieht an, Schwerin verliert. Rostock investiert in Zukunft, Schwerin investiert in die Hoffnung, dass sich die UNESCO-Welterbe-Bewerbung fürs Schloss irgendwann auszahlt. Das tut sie seit über einem Jahrzehnt nicht, aber Hoffnung ist in Schwerin ja das letzte, was stirbt.
Schwerin ist nicht der kleine Bruder von Rostock. Schwerin ist der kleine Bruder, der es nicht wahrhaben will. Und genau das macht den Vergleich so schmerzhaft. Nicht die Zahlen. Sondern die Weigerung, sie anzuerkennen.
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