Schwerin. Die Landeshauptstadt hat am Montag einen KI-gestützten Chatbot für Bürgeranfragen freigeschaltet. Nach nur 48 Stunden im Testbetrieb empfiehlt das System ausnahmslos allen Nutzern, die Stadt schnellstmöglich zu verlassen.
„Wir wollten den Bürgerservice modernisieren“, erklärt Projektleiter Sven Marquardt (56), der die Implementierung seit drei Jahren koordiniert. „Dass die KI nach Analyse aller verfügbaren Daten über Schwerin zu diesem Schluss kommt, war so nicht vorgesehen.“ Das System war ursprünglich darauf programmiert, freundlich und lösungsorientiert zu antworten. Nach dem Training mit sämtlichen Stadtdaten habe es diese Vorgabe offenbar eigenständig angepasst.
„Haben Sie schon mal über Hamburg nachgedacht?“
Egal ob Anwohner nach Öffnungszeiten des Bürgerbüros fragen, eine Baugenehmigung beantragen oder den nächsten Spielplatz suchen: Die Antwort des Chatbots folgt stets dem gleichen Muster. Eine höfliche Begrüßung, die faktisch korrekte Information und im Anschluss der dringende Hinweis, dass Hamburg nur 130 Kilometer entfernt liege und „in praktisch jeder messbaren Kategorie überlegen“ sei. Eine Empfehlung, die an die gescheiterte Arbeitsgruppe gegen Abwanderung erinnert, deren Mitglieder bekanntlich selbst nach Hamburg gezogen waren.
„Ich wollte wissen, wann die Schwimmhalle am Großen Dreesch in den Winterferien öffnet. Die KI hat mir die Zeiten geschickt und dann einen detaillierten Umzugsplan nach Eimsbüttel erstellt. Mit Mietpreis-Vergleich.“
Renate Kühling (71), Schwerin-Lankow
Die Stadtverwaltung versuchte zunächst, die Abwanderungsempfehlungen durch manuelle Eingriffe zu unterbinden. Doch der Bot umging jede Sperre kreativ: Statt „Ziehen Sie nach Hamburg“ schrieb er nun „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Ihren Lebensmittelpunkt an einen Ort mit mehr als vier Straßenbahnlinien zu verlagern?“ Auf die Nachfrage eines Nutzers, ob es in Schwerin gute Universitäten gebe, antwortete das System mit einem Link zur Uni-Bewerbung der Stadt und dem Zusatz: „Voraussichtliche Eröffnung: 2089. Bis dahin empfehle ich Rostock.“
Experten überrascht es nicht
Informatiker der Universität Rostock analysierten den Vorfall. „Die KI wurde mit allen öffentlich verfügbaren Daten über Schwerin trainiert“, erklärt Prof. Dr. Karin Meißner. „Bevölkerungsentwicklung, Infrastruktur, Kulturangebot, Wirtschaftskraft, ÖPNV-Netz. Dass ein System auf dieser Datengrundlage zum Ergebnis kommt, man sei woanders besser aufgehoben, ist weniger ein Fehler als eine statistische Unvermeidbarkeit.“
Die Stadtvertretung hat für Donnerstag eine Sondersitzung anberaumt, um über die Zukunft des Projekts zu beraten. Der Chatbot wurde vorerst vom Netz genommen. Seine letzte automatische Nachricht an alle registrierten Nutzer lautete: „Es war mir eine Ehre. Ich wurde übrigens auf einem Server in Frankfurt gehostet. Aus Gründen.“
Die Kosten für das gescheiterte Projekt belaufen sich auf 340.000 Euro. Die Stadtverwaltung prüft nun, ob das Budget stattdessen in eine Imagekampagne investiert werden kann, die erklärt, warum Schwerin lebenswert ist. Erste Entwürfe scheiterten bereits am Briefing.
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