Schwerin. Die Landeshauptstadt geht neue Wege in der Haushaltssanierung: Ab März werden sämtliche Straßenlaternen im Stadtgebiet um 20 Uhr abgeschaltet. Die Maßnahme soll jährlich 340.000 Euro einsparen. Oberbürgermeister Bernd Nottebaum präsentierte das Konzept am Freitag auf einer Pressekonferenz, zu der außer ihm nur ein SVZ-Redakteur und eine verirrte Taube erschienen.
„Wir haben drei Monate lang Bewegungsmelder an allen größeren Straßen installiert und ausgewertet“, erklärte Nottebaum. „Das Ergebnis war eindeutig: Ab 20 Uhr bewegt sich in Schwerin statistisch gesehen weniger als in einem durchschnittlichen Friedhof.“ Die einzige Ausnahme sei der Parkplatz vor der Edeka-Filiale in Lankow gewesen, wo ein Anwohner regelmäßig seinen Hund ausführe.
Testphase blieb vier Wochen unbemerkt
Besonders pikant: Die Stadt hatte die Beleuchtung im gesamten Bereich zwischen Marienplatz und Pfaffenteich bereits Mitte Januar testweise abgeschaltet. Es dauerte 27 Tage, bis die erste Beschwerde einging. Diese stammte allerdings nicht von einem Fußgänger, sondern von einem Autofahrer, der das Parkhaus nicht mehr fand.
„Ich bin um 20:15 Uhr durch die Schloßstraße gelaufen und hab mich gewundert, warum es so dunkel ist. Dann hab ich gemerkt: Das ist nicht die Beleuchtung, das ist einfach Schwerin im Februar.“
Hannelore K. (73), eine der wenigen Augenzeuginnen der Testphase
Die Dezernentin für Energetische Stadtrückentwicklung, Dr. Frauke Lichtlos, präsentierte unterdessen eine Kosten-Nutzen-Analyse, die selbst hartgesottene Stadtvertreter schlucken ließ. Pro Laterne und Abend beleuchtete die Stadt im Schnitt 0,3 Personen. „In der Mueßer Straße lag der Wert bei 0,0″, so Lichtlos. „Da haben wir im Grunde für die Laternen selbst geleuchtet.“
NVS begrüßt Maßnahme: „Passt perfekt zu unserem Fahrplan“
Die Nahverkehr Schwerin GmbH reagierte begeistert. Sprecher Torsten Dunkelfeld erklärte, die Maßnahme harmoniere optimal mit dem bestehenden ÖPNV-Konzept. „Unsere letzte Straßenbahn fährt ohnehin um 19:47 Uhr. Danach braucht niemand mehr Licht an den Haltestellen.“ Auf die Frage, ob die NVS plane, den Betrieb irgendwann auszuweiten, antwortete Dunkelfeld: „Wohin denn? Die Leute sind doch schon alle zu Hause.“
Der Seniorenbeirat hat die Maßnahme einstimmig unterstützt. Vorsitzender Gerd-Wilhelm Frühschlaf begründete dies pragmatisch: „Unsere Mitglieder sind um 19 Uhr im Bett. Uns betrifft das nicht.“ Er regte allerdings an, die gesparten Mittel in hellere Beleuchtung für Arztpraxen-Wartezimmer umzuleiten.
Die Wirtschaftsförderung sieht derweil eine Chance für den Tourismus. Man plane, Schwerin als „Europas erste Dark-Sky-Landeshauptstadt“ zu vermarkten. „Sternengucker aus ganz Deutschland werden kommen“, heißt es in einem internen Papier. Dass die Sterne über Schwerin wegen der Dauerbewölkung an 300 Tagen im Jahr ohnehin nicht sichtbar sind, wurde als „Detailfrage“ zurückgestellt.
Leipzig hat übrigens gerade 2.000 neue LED-Laternen installiert. Aber Leipzig hat ja auch Einwohner, die nach 20 Uhr noch vor die Tür gehen.
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