Gesellschaft

Schwerin richtet Lehrstuhl für Abwanderungsforschung ein — Professor zieht vor Antritt nach Leipzig

Schwerin. Die Landeshauptstadt wollte ihr größtes Problem endlich wissenschaftlich angehen: die Abwanderung. Dafür wurde an der geplanten „Schweriner Akademie für Strukturfragen“ ein eigener Lehrstuhl eingerichtet. Budget: 1,2 Millionen Euro aus EU-Fördermitteln. Titel: „Lehrstuhl für angewandte Abwanderungsforschung und urbane Entleerungsprozesse“. Der berufene Professor, Dr. Henning Klaas (54), hatte seinen Umzugswagen bereits gepackt — dann entschied er sich für Leipzig.

„Leipzig hat eine Mensa. Schwerin hat einen Imbiss am Marienplatz.“

Wie die Stadtverwaltung am Montag bestätigte, habe Professor Klaas den Ruf nach Schwerin zunächst „mit großem Interesse“ angenommen. Er habe die Stadt im November besucht, sich den vorgesehenen Büroraum im dritten Stock eines ehemaligen Sparkassengebäudes angesehen und anschließend seine Absage formuliert. In seiner 14-seitigen Begründung, die Schwerin ist Geil vorliegt, heißt es unter anderem: „Die infrastrukturellen Rahmenbedingungen am Standort Schwerin bieten ein ideales Forschungsumfeld — allerdings ausschließlich als Gegenstand, nicht als Arbeitsplatz.“

Klaas habe sich insbesondere am fehlenden ICE-Anschluss gestört. Um an Konferenzen in Berlin teilzunehmen, hätte er „zwei Stunden Regionalexpress plus Umstieg in Ludwigslust“ einplanen müssen. In Leipzig sei er in 67 Minuten am Berliner Hauptbahnhof. „Für einen Forscher, der über Abwanderung publiziert, wäre das Pendeln aus Schwerin natürlich authentisch„, so Klaas. „Aber ich bin Wissenschaftler, kein Performance-Künstler.“

„Wir verstehen die Entscheidung von Professor Klaas nicht. Schwerin bietet alles, was ein Abwanderungsforscher braucht: schrumpfende Bevölkerung, leerstehende Gebäude und eine Stadt, die man in unter drei Stunden komplett gesehen hat.“

Doreen Wilke, Dezernentin für Akademische Zukunftsentwicklung und Fördermittelabsorption

Besonders bitter: Professor Klaas hatte seinen Einstand bereits vorbereitet. Seine Antrittsvorlesung sollte den Titel tragen: „Warum junge Menschen Schwerin verlassen — eine teilnehmende Beobachtung“. Das Thema konnte er nun aus eigener Erfahrung bestätigen, wenn auch aus der Perspektive eines 54-Jährigen. Sein erstes geplantes Forschungsprojekt — eine Langzeitstudie über die 47 verbliebenen Schweriner unter 30 — werde er nun von Sachsen aus durchführen. „Per Videocall. Falls das Internet in Schwerin das hergibt.“

Nachfolgesuche gestaltet sich schwierig

Die Stadtverwaltung hat die Stelle inzwischen erneut ausgeschrieben. Bisher gingen laut Pressestelle „mehrere Bewerbungen“ ein — darunter ein pensionierter Geographielehrer aus Parchim und eine Studentin, die ihre Bachelorarbeit über den statistischen Unterschied zwischen Zuzug und Wachstum schreibt. Ein dritter Bewerber habe seine Unterlagen zurückgezogen, nachdem er auf Google Maps die ÖPNV-Verbindung zum geplanten Campus überprüft hatte.

Als Standort für den Lehrstuhl war ursprünglich ein Raum im Schweriner Schloss vorgesehen. Dieser Plan wurde verworfen, weil der Landtag „keine akademische Nutzung dulde, die möglicherweise zu mehr Erkenntnissen als der parlamentarische Betrieb führt“. Die aktuelle Ausweichlösung — ein Büro über einem geschlossenen Schuhgeschäft in der Mecklenburgstraße — bezeichnete Dezernentin Wilke als „provisorisch, aber sehr schwerinerisch“. Der Vermieter habe zugesichert, den Aufzug bis 2029 reparieren zu lassen.

Professor Klaas hat derweil in Leipzig sein erstes Seminar begonnen. Thema: „Schwerin als Modellstadt der kontrollierten Selbstauflösung“. Die Veranstaltung war mit 340 Studierenden restlos ausgebucht. In Schwerin hätte der Hörsaal Platz für 28 gehabt. Er wäre vermutlich trotzdem nicht voll geworden.

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