Politik

Schwerin passt Ampelphasen an Durchschnittsalter an: Grünphase dauert jetzt viereinhalb Minuten

Schwerin (sig) – Die Landeshauptstadt reagiert auf den demografischen Wandel mit einer bundesweit einmaligen Maßnahme: Ab dem 1. März werden sämtliche Fußgängerampeln im Stadtgebiet auf eine Grünphase von 270 Sekunden umgestellt. Die bisherige Regelung von 45 Sekunden sei „nicht mehr zeitgemäß“, erklärte Dezernent für Altersgerechte Infrastruktur Werner Knackstedt bei einer Pressekonferenz im Rathaus.

Pilotprojekt am Marienplatz zeigt erste Erfolge

Bereits seit Januar läuft eine Testphase an der Ampel Wismarsche Straße/Marienplatz. Die Ergebnisse seien „überwältigend“, so Knackstedt. Erstmals seit 2019 habe ein Fußgänger die Straße vollständig überquert, ohne dass die Ampel zwischendurch wieder auf Rot sprang. Der 84-jährige Horst-Dieter P. schaffte es am vergangenen Donnerstag sogar mit Rollator bis zur Mittelinsel, bevor er eine kurze Rast einlegte.

Früher bin ich immer auf der Mittelinsel stehen geblieben und hab gewartet, bis die nächste Grünphase kam. Manchmal zwei, drei Phasen hintereinander. Einmal hab ich dort übernachtet.

Horst-Dieter P. (84), Fußgänger und Marienplatz-Veteran

Die Stadtverwaltung hatte eine umfassende Studie in Auftrag gegeben, nachdem Beschwerden über zu kurze Ampelphasen überhandgenommen hatten. Das Ergebnis: Bei einem Durchschnittsalter von 47,6 Jahren und einer durchschnittlichen Gehgeschwindigkeit der Schweriner Fußgänger von 0,8 km/h reichen die bisherigen Grünphasen „bestenfalls für die ersten drei Meter“. Im Stadtteil Großer Dreesch, wo das Durchschnittsalter bei 58 Jahren liegt, sollen die Phasen auf sieben Minuten verlängert werden.

Autofahrer protestieren vergeblich

Der ADAC Mecklenburg-Vorpommern kritisierte die Maßnahme scharf. Autofahrer müssten an manchen Kreuzungen bis zu 20 Minuten warten. Die Stadt konterte gelassen: „Wer in Schwerin Auto fährt, hat offensichtlich Zeit.“ Zudem verwies Knackstedt darauf, dass der Autoverkehr in der Innenstadt ohnehin rückläufig sei, „seit die Marienplatz-Galerie den letzten Grund zum Hinfahren eliminiert hat.“

Die NVS teilte mit, die verlängerten Ampelphasen würden sich auf den Straßenbahnverkehr auswirken. Die ohnehin seltenen Bahnen müssten nun an jeder Kreuzung bis zu acht Minuten warten. „Das fällt bei unserem Takt aber kaum auf“, räumte ein NVS-Sprecher ein.

Als nächsten Schritt plant die Stadt, sämtliche Treppen im öffentlichen Raum durch Rampen zu ersetzen und die Sperrstunde von 21 Uhr auf 19:30 Uhr vorzuziehen, „damit alle rechtzeitig im Bett sind“. Knackstedt kündigte außerdem an, die Schriftgröße auf Straßenschildern zu verdreifachen. Die Finanzierung sei gesichert: Man spare ohnehin bei der Jugendarbeit, „weil es bald keine Jugend mehr gibt“.

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