Nach jahrelanger Planung hat die Stadt Schwerin den lang ersehnten Modernisierungsschritt am Hauptbahnhof verkündet: Eine neue digitale Anzeigetafel soll künftig den Reisenden Orientierung bieten. Was die Stadtverwaltung als „Meilenstein der Infrastrukturentwicklung“ bezeichnet, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als konsequente Anpassung an die Realität: Die Anzeige zeigt ausschließlich Abfahrten Richtung Hamburg.
„Wir haben uns gefragt: Was wollen die Leute hier eigentlich wissen?“, erklärte ein Sprecher der Deutschen Bahn. Die Antwort sei eindeutig gewesen. Eine Auswertung der Ticketverkäufe habe ergeben, dass 94 Prozent aller Fahrscheine für die Strecke Schwerin-Hamburg gelöst werden. „Die restlichen sechs Prozent sind Irrtümer oder Rückfahrten von Leuten, die vergessen haben, dass sie hier wohnen.“
Zwei Stunden Regionalexpress als Dauerzustand
Die neue Anzeigetafel zeigt in übersichtlicher Gestaltung die nächsten sechs Verbindungen nach Hamburg – allesamt Regionalbahnen mit einer Fahrzeit von knapp zwei Stunden. Platz für ICE-Verbindungen war laut Planer nicht vorgesehen. „Wozu auch?“, fragte der Projektleiter rhetorisch. Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt Deutschlands ohne ICE-Anschluss. Eine Änderung sei „mittelfristig nicht vorgesehen“, was in Bahnsprache ungefähr „nie“ bedeutet.
„Ich pendle seit acht Jahren jeden Tag nach Hamburg. Vier Stunden im Zug. Das ist mein Leben jetzt. Die neue Anzeige ist praktisch – jetzt muss ich nicht mehr suchen.“
Markus W. (34), Schwerin-Pendler seit sein Arbeitgeber nach Hamburg gezogen ist
Die Deutsche Bahn betont, dass die Modernisierung im Rahmen eines Pilotprojekts für „bedarfsgerechte Fahrgastinformation“ stattfinde. Ähnliche Anzeigetafeln seien auch für andere strukturschwache Regionen geplant. In Schwerin habe man schlicht „die Nachfrage gespiegelt“. Das eingesparte Geld für die nicht benötigten Anzeigenfelder fließe in eine Machbarkeitsstudie für eine hypothetische ICE-Anbindung, deren Ergebnisse für 2089 erwartet werden.
Lokalpatriot unbeeindruckt
Nicht alle Schweriner zeigen sich begeistert von der neuen Anzeigetafel. Heinz-Dieter Möllendorf (67), der seit seiner Pensionierung kaum noch den Hauptbahnhof betritt, kritisierte die Maßnahme scharf: „Und was ist mit Wismar? Rostock? Wir haben hier auch andere Richtungen!“ Auf den Hinweis, dass die Verbindung nach Rostock mit Umsteigen in Bad Kleinen ähnlich lang dauert wie die nach Hamburg, schwieg er kurz und sagte dann: „Aber wir haben das Schloss.“
Die Stadtverwaltung begrüßte unterdessen die Modernisierung als „weiteren Schritt zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Schwerin“. Dass ein Großteil der arbeitsfähigen Bevölkerung täglich in eine andere Stadt pendelt, um dort zu arbeiten, sei „ein Zeichen für die hervorragende Anbindung“ – eine Einschätzung, die auch die kürzlich gegründete Arbeitsgruppe gegen Abwanderung teilen dürfte. Die neue Anzeigetafel werde voraussichtlich am 1. April feierlich eingeweiht. Ein Termin, der laut Bahn „rein zufällig“ gewählt wurde.
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