Die Stadt Schwerin hat am Donnerstag die kommunale Dating-App „SchwerinMatch“ vorgestellt. Das Ziel: junge Menschen zusammenbringen und so die Abwanderung stoppen. Nach nur 72 Stunden Testbetrieb musste die App allerdings in den Wartungsmodus versetzt werden, weil sämtliche Nutzer unter 30 Jahren alle verfügbaren Profile bereits durchgewischt hatten.
„Wir haben mit einer gewissen Überschaubarkeit des Nutzerpools gerechnet“, erklärte Projektleiterin Sabine Wendtland (Dezernat für Digitale Daseinsvorsorge) bei der Pressekonferenz im Rathaus. „Aber dass die App nach drei Tagen praktisch leer ist, hat uns in der Geschwindigkeit überrascht.“
Algorithmus findet keine neuen Gesichter mehr
Das Problem ist mathematischer Natur. Von den 98.308 Einwohnern Schwerins sind laut Statistikamt rund 12 Prozent zwischen 18 und 35 Jahre alt. Zieht man die ab, die bereits in einer Beziehung sind, kein Smartphone besitzen oder grundsätzlich keine Apps installieren, die nicht von der Sparkasse kommen, blieben exakt 47 aktive Nutzer übrig. Davon sind 31 männlich, 14 weiblich und zwei haben ihr Profil mit einem Foto des Schweriner Schlosses ausgefüllt.
„Ich hab die App montags installiert. Dienstags hatte ich alle Profile durch. Mittwochs hat mir die App meinen Nachbarn vorgeschlagen, den ich seit 20 Jahren kenne.“
Marcus T. (29), einer der 47 Nutzer
Die Entwickler hatten den Matching-Radius zunächst auf 15 Kilometer eingestellt. Als die Beschwerden über mangelnde Auswahl zunahmen, wurde er schrittweise auf 30, dann 50, schließlich 120 Kilometer erweitert. Seitdem schlägt die App auch Singles aus Rostock, Wismar und Lübeck vor. Die meisten dieser Profile enthalten den Hinweis: „Komme auf keinen Fall nach Schwerin.“
Seniorenbeirat fordert Altersfreigabe nach oben
Unterdessen hat der Schweriner Seniorenbeirat gefordert, die Zielgruppe der App auf Ü60 auszuweiten. „Bei uns gibt es wenigstens genug Leute“, argumentierte Beiratsvorsitzender Helmut Kröpelin. „Außerdem haben wir mehr Zeit zum Wischen.“ Die Stadtverwaltung prüft den Vorschlag und hat eine interfraktionelle Arbeitsgruppe eingesetzt, die bis September 2027 einen Zwischenbericht vorlegen soll.
Zum Vergleich: In Leipzig, einer ostdeutschen Stadt mit funktionierender Demografie, meldeten sich am ersten Tag einer vergleichbaren App 14.000 Nutzer an. In Schwerin reichen 47 Menschen für einen neuen Rekord.
Die Kosten für die Entwicklung der App belaufen sich auf 340.000 Euro. Finanziert wurde das Projekt aus dem Fördertopf „Digitale Teilhabe im ländlichen Raum“. Auf die Frage, ob Schwerin als Landeshauptstadt wirklich unter „ländlichen Raum“ falle, antwortete Wendtland: „Haben Sie schon mal versucht, hier freitagabends etwas zu unternehmen?“
Die App soll nach einem Update im März wieder freigeschaltet werden. Geplant ist unter anderem eine Funktion, die das Durchschnittsalter der Stadt berücksichtigt und Profile nach Gehgeschwindigkeit statt nach Entfernung sortiert. Außerdem soll ein „Bleib-Bonus“ integriert werden: Wer nach dem ersten Date nicht nach Hamburg zieht, bekommt 50 Treuepunkte.
Bis dahin empfiehlt die Stadtverwaltung allen Singles, es auf traditionellem Weg zu versuchen: am Pfaffenteich stehen und hoffen, dass jemand unter 60 vorbeikommt.
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