Schwerin investiert. Nicht in Straßen, nicht in Clubs für junge Leute, nicht in irgendetwas, das die unter 30-Jährigen davon abhalten könnte, den nächsten Regionalexpress nach Hamburg zu nehmen. Nein – die Landeshauptstadt investiert in Tagesmütter. 263.000 Euro mehr pro Jahr, damit die rund 45 Kindertagespflegepersonen in Schwerin endlich angemessen bezahlt werden. Fehlen nur noch die Kinder.
Am kommenden Mittwoch entscheidet der Jugendhilfeausschuss über eine Erhöhung der Entgelte um teilweise mehr als zehn Prozent. In der höchsten Stufe steigt die Vergütung von 940,76 auf 1.152,26 Euro. Ein Plus von 211,50 Euro pro Monat – in einer Stadt, in der das aufregendste Ereignis des Jahres der Moment ist, wenn jemand vergisst, den Schwanenfütterungsautomaten am Pfaffenteich nachzufüllen.
Die Rechnung ohne den Nachwuchs
Was die Verwaltung in ihrer Vorlage verschweigt: Schwerin hat aktuell 98.308 Einwohner und ein Durchschnittsalter, das eher an eine Seniorenresidenz erinnert als an eine Landeshauptstadt. Die einzige Landeshauptstadt, die keine Großstadt ist. Die einzige, in der man den Begriff „Kinderbetreuung“ bald im Heimatmuseum ausstellen könnte.
45 Tagespflegepersonen betreuen die verbliebenen Kinder der Stadt. 45! In Hamburg sind es über 3.000. Aber gut – Hamburg hat ja auch mehr Einwohner als ganz Mecklenburg-Vorpommern. Unfairer Vergleich. Nehmen wir Potsdam: auch Landeshauptstadt, auch im Osten, aber mit steigenden Einwohnerzahlen. In Schwerin dagegen feiert man Pressemitteilungen, wenn zwölf Leute zuziehen – sofern sie nicht direkt in die Task Force gegen Abwanderung berufen werden.
„Die Erhöhung ist eine Pflichtaufgabe der Stadt, besonders weil Kindertagespflege ein bedeutender Baustein der frühkindlichen Bildung und Betreuung ist.“
Aus der Vorlage der Stadtverwaltung – die anscheinend plant, jeden einzelnen verbleibenden Schweriner Säugling in Goldfolie zu wickeln
Optimismus als Regierungsprogramm
Immerhin: Die 263.000 Euro seien laut Verwaltung bereits im Haushalt eingeplant. Das Land zahlt einen Teil zurück, die Stadt trage „nur“ 145.000 Euro Mehrbelastung. In einer Kommune, die jeden Euro dreimal umdrehen muss, ist das so beruhigend wie die Ansage „Der ICE nach Hamburg hat nur 47 Minuten Verspätung“.
Die wahre Ironie liegt woanders: Während Schwerin mehr Geld pro Tagesmutter ausgibt, zieht der Nachwuchs in Städte, die tatsächlich etwas für junge Familien bieten. Bezahlbare Wohnungen? Fehlanzeige. Kita-Plätze? Theoretisch vorhanden. Perspektiven? Der Regionalexpress nach Hamburg fährt stündlich.
Die gute Nachricht: Wenn die letzten Kinder die Stadt verlassen haben, sind die Tagesmütter wenigstens gut bezahlt. Man kann sie dann umschulen – auf Seniorenbetreuung. Der Markt wächst.
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