Es gibt Städte, die im Winter ihren eigenen Charme entwickeln. Wien mit seinen Christkindlmärkten. Hamburg mit der Speicherstadt im Nebel. Dresden mit dem Striezelmarkt. Und dann gibt es Schwerin im Winter. Kalt. Dunkel. Und so leer, dass man die eigenen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster hört wie einen Countdown zur nächsten Jahreszeit.
Ab November fällt die Stadt in einen Zustand, den man gnädig als Winterruhe und ehrlich als Koma bezeichnen kann. Die ohnehin spärliche Außengastronomie verschwindet. Die Touristen, die im Sommer immerhin für zwei Stunden kamen, kommen jetzt gar nicht. Der Schweriner See liegt grau und stumm da wie eine Metapher für alles. Um 16 Uhr ist es dunkel. Um 17 Uhr ist die Innenstadt leer. Um 18 Uhr fragt man sich, ob man der letzte Mensch auf Erden ist.
November bis März: Fünf Monate Überlebenskampf
Schwerin liegt am 53. Breitengrad. Das ist so weit nördlich wie Teile von Irland. Aber während Dublin am Golfstrom hängt und milde 8 Grad im Winter hat, schickt Schwerin die kontinentale Kälte aus dem Osten durch. Minus 10 Grad sind keine Seltenheit. Dazu Wind vom See, der einem das Gefühl gibt, Schwerin hätte ein persönliches Problem mit seinen Einwohnern.
Von November bis März existiert Schwerin in einem Zustand reduzierter Betriebsamkeit. Die Stadt, die im Sommer immerhin den Anschein von Leben erweckt, gibt im Winter jede Fassade auf. Der Weihnachtsmarkt ist für drei Wochen das Einzige, was passiert. Danach: nichts. Januar, Februar, März. Drei Monate, in denen Schwerin exakt so aussieht, wie die Statistiken es beschreiben: schrumpfend, alternd, resigniert.
Im Winter fahre ich von der Arbeit nach Hause und sehe manchmal 20 Minuten lang keinen Menschen. In der Landeshauptstadt.
Carola, 42, Schwerin-Weststadt
Andere Städte kompensieren. München hat Bierhallen und Christkindlmarkt. Leipzig hat die Südmeile und Kneipenkultur. Selbst Rostock hat Warnemünde und Glühwein am Strand. Schwerin hat: die Schelfstadt. Zwei Cafés, die bis 18 Uhr geöffnet haben. Und die Gewissheit, dass es irgendwann wieder Mai wird.
Die Vitamin-D-Hauptstadt
Schwerin hat im Jahresdurchschnitt etwa 1.700 Sonnenstunden. Das klingt nach viel, bis man nachschaut, dass die meisten davon auf Juni und Juli entfallen. Im Dezember und Januar sind es zusammen vielleicht 70 Stunden. 70 Stunden Sonne in zwei Monaten. Das sind etwa 1,2 Stunden pro Tag. Wenn man Glück hat und die Wolkendecke an der richtigen Stelle reißt.
In einer Stadt ohne Nachtleben, ohne Veranstaltungen, ohne Gründe rauszugehen, bedeutet Winter: Couch, Netflix, und die leise Überlegung, ob Leipzig vielleicht doch die bessere Idee gewesen wäre.
Schwerin im Winter hat seinen ganz eigenen Reiz. Die verschneite Schlosskulisse ist ein Traum.
Stadtmarketing, bezogen auf die 3 Tage im Jahr, an denen tatsächlich Schnee liegt
Schwerin im Sommer ist ruhig. Schwerin im Winter ist die Steigerungsform von ruhig. Die Steigerungsform heißt: tot.
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