Es gibt Bahnhöfe, die eine Stadt repräsentieren. Der Hamburger Hauptbahnhof schreit Großstadt. Leipzig Hauptbahnhof sagt: Hier ist was los. Sogar der Rostocker Hauptbahnhof vermittelt zumindest den Eindruck, dass man irgendwo angekommen ist. Und dann gibt es Schwerin Hauptbahnhof.
Wer in Schwerin aus dem Zug steigt, steht auf einem Bahnsteig, der architektonisch irgendwo zwischen 1990 und Aufgabe liegt. Die Empfangshalle, die seit Jahren modernisiert werden soll, empfängt mit dem Charme einer Behörde nach Dienstschluss. Es gibt einen Kiosk, einen Bäcker und die Art von stiller Verzweiflung, die nur deutsche Regionalbahnhöfe ausstrahlen können.
Kein ICE, kein Anschluss, kein Wunder
Der Schweriner Hauptbahnhof wird von keinem einzigen ICE angefahren. Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns ist nicht ans ICE-Netz angeschlossen. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Die Hauptstadt eines Bundeslandes, Sitz des Landtags, hat keinen Hochgeschwindigkeitszuganschluss.
Stattdessen: Regionalexpress nach Hamburg, etwa zwei Stunden. Regionalexpress nach Rostock, anderthalb Stunden. Und ein paar Regionalbahnen, die in Richtungen fahren, die außerhalb von Mecklenburg-Vorpommern niemand kennt. Ludwigslust. Bad Kleinen. Parchim. Klingt wie eine Tour durch Deutschlands Abstellgleise.
Wenn ich meinen Freunden in München sage, dass ich zwei Stunden für 120 Kilometer brauche, denken die, ich mache Witze.
Tobias, 31, Pendler nach Hamburg
120 Kilometer bis Hamburg, zwei Stunden Fahrzeit. Das ist eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h. In einem Land, das den ICE erfunden hat. Zum Vergleich: Von Erfurt nach Berlin sind es 300 Kilometer in unter zwei Stunden. Schwerin schafft 120 Kilometer in der gleichen Zeit. Fortschritt sieht anders aus.
Ankunft oder Abfahrt?
Die eigentliche Frage bei Schwerin Hauptbahnhof ist: In welche Richtung ist die Hauptreiserichtung? Wer steigt hier ein, und wer steigt hier aus? Die Antwort kennt jeder, der die Abwanderungsstatistiken gelesen hat. Der Schweriner Hauptbahnhof ist weniger ein Tor zur Stadt als eine Drehtür. Und die meisten drehen sich nach draußen.
Morgens um 6:15 Uhr steht der RE1 nach Hamburg am Gleis. Er ist voll. Berufspendler, die in Schwerin wohnen und in Hamburg arbeiten. Menschen, die täglich vier Stunden im Zug sitzen, weil ihre Heimatstadt ihnen keinen Job bieten kann, den sie machen wollen. Der RE1 ist Schwerins inoffizieller Wirtschaftsmotor: Er exportiert Arbeitskraft, die die Stadt selbst nicht brauchen kann.
Der Bahnhof wird im Rahmen des Bundesprogramms ‚Attraktive Bahnhöfe‘ zeitnah modernisiert.
Deutsche Bahn, zuletzt gehört: 2018
Schwerin Hauptbahnhof ist der ehrlichste Ort der Stadt. Er verspricht nichts, er liefert wenig, und er erinnert jeden, der dort steht, an die eine Wahrheit: Von hier kommt man weg. Nur nicht schnell.
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