Schwerin. Es sollte der große Wurf werden: Mit „SN1 — Schwerin Nachrichten Eins“ wollte die Landeshauptstadt endlich ihre mediale Einöde beenden. Drei Tage nach Sendestart ist das Projekt bereits Geschichte. Begründung der Geschäftsführung: akuter Nachrichtenmangel.
Die Idee war ambitioniert. Ein eigener Lokalsender, der die Abhängigkeit von der SVZ als einziger Nachrichtenquelle beenden sollte. Die Stadtvertretung hatte das Vorhaben im Dezember einstimmig beschlossen — allerdings erst nach einer dreistündigen Debatte darüber, ob die Abstimmung selbst berichtenswert genug wäre, um den Sender zu rechtfertigen.
Redaktionskonferenz dauerte länger als die Nachrichtenlage
Am Montagmorgen trat die sechsköpfige Redaktion zur ersten Konferenz zusammen. Nach 47 Minuten stand fest: Es gab nichts zu berichten. „Wir haben die Polizeimeldungen durchgesehen, den Veranstaltungskalender, die Pressemitteilungen der Stadt“, erklärte Chefredakteur Jens-Uwe Krämer (fiktiv). „Die aufregendste Nachricht war, dass die Ampel an der Wismarschen Straße wieder funktioniert. Seit Dienstag.“
Die erste Sendung bestand dann zu 80 Prozent aus Wetter (grau), einer Live-Schalte zum menschenleeren Marienplatz und einem 14-minütigen Interview mit einem Rentner am Pfaffenteich, der detailliert seine Entenbeobachtungen schilderte. Die Einschaltquote lag bei elf Zuschauern — neun davon Redaktionsmitglieder und deren Angehörige.
„Wir hatten drei Kameras, zwei Ü-Wagen und einen Hubschrauber gemietet. Der Hubschrauber ist vier Stunden über der Stadt gekreist. Er hat nichts gefunden.“
Sandra Witt, Leiterin der Abteilung für Investigativjournalismus (aufgelöst am Dienstag)
Am zweiten Tag versuchte die Redaktion, die Nachrichtenlage kreativ zu strecken. Ein Reporter wurde losgeschickt, um die Existenz der Stadt zu dokumentieren. Er filmte 40 Minuten lang eine geschlossene Bäckerei, einen parkenden Transporter und eine Taube. Die Redaktion überlegte, ob man daraus eine dreiteilige Dokumentation machen könnte.
Vergleich mit Erfurt vernichtend
Besonders schmerzhaft: Der Blick auf andere Landeshauptstädte. Erfurt betreibt zwei Lokalsender. Dresden hat drei. Selbst Magdeburg produziert täglich zwei Stunden Lokalnachrichten. Schwerin schaffte es nicht, eine 15-Minuten-Sendung pro Woche zu füllen. „In Dresden gab es allein gestern vier Pressekonferenzen, zwei Demos und eine Brückensperrung“, so Krämer. „Bei uns hat jemand seinen Schlüssel im Pfaffenteich verloren. Das war unser Aufmacher.“
Die Stadtpressestelle hatte versucht zu helfen und täglich eine Pressemitteilung geliefert. Inhalt am Montag: „Oberbürgermeister begrüßt den Frühling.“ Am Dienstag: „Oberbürgermeister begrüßt weiterhin den Frühling.“ Am Mittwoch kam keine mehr.
Am dritten Tag erschien nur noch ein Redakteur zum Dienst. Er filmte sich selbst beim Kaffeetrinken, nannte es „Schwerin Live“ und stellte fest, dass dies die authentischste Darstellung der Stadt sei, die der Sender je produziert habe. Um 14:07 Uhr schaltete er die Kameras ab. Seitdem zeigt SN1 ein Standbild des Schweriner Schlosses. Die Einschaltquote hat sich dadurch nicht verändert.
Die SVZ kommentierte die Einstellung des Senders mit den Worten: „Wir verstehen jetzt, warum wir montags manchmal nur eine halbe Seite Lokales haben.“ Das Durchschnittsalter der verbliebenen elf Zuschauer lag bei 67 Jahren.
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