Die Landeshauptstadt Schwerin reagiert auf ein wachsendes Problem: Touristen, die nach durchschnittlich 127 Minuten wieder abreisen. Ab Mai 2026 gilt deshalb eine Mindestaufenthaltspflicht von sechs Stunden.
„Die Zahlen sind alarmierend“, erklärte Tourismusdezernent Hendrik Kröpelin bei der Vorstellung der neuen Verordnung. „Die meisten Besucher kommen mit dem Auto, parken am Schloss, machen ein Selfie, essen ein Fischbrötchen am Pfaffenteich und fahren weiter nach Rostock. Das ist keine Wertschätzung für die einzige Landeshauptstadt Deutschlands ohne Großstadt-Status.“
Kontrollpunkte an allen Ausfahrten
Die Umsetzung ist ambitioniert: An allen Ortsausgängen werden Kontrollstationen errichtet, an denen Touristen ihren Parkschein oder Bahnticket vorzeigen müssen. Wer vor Ablauf der sechs Stunden abreisen möchte, muss eine „Frühzeitige-Abreise-Ausgleichsabgabe“ von 45 Euro entrichten.
„Die Gebühr ist bewusst so gewählt, dass sie höher ist als ein Mittagessen in der Innenstadt“, so Kröpelin. „Wir zwingen die Leute quasi zu weiterem Konsum. Das nennen wir sanften Tourismus mit wirtschaftlichem Mehrwert.“
„Ich war letztes Jahr in Schwerin. Schloss gesehen, Ente gefüttert, fertig. Was soll man da sechs Stunden machen? Aufs Museum warten, das um 17 Uhr schließt?“
Marlene K. (34) aus Hamburg, die jetzt lieber nach Wismar fährt
Aktivitäten-Katalog für die Wartezeit
Um den Pflicht-Touristen die Verweildauer zu erleichtern, hat die Stadt einen offiziellen „Aktivitäten-Katalog“ erstellt. Darin enthalten: dreimal um den Pfaffenteich spazieren (90 Minuten), das Schloss von allen vier Himmelsrichtungen fotografieren (45 Minuten), im Staatstheater-Foyer sitzen ohne Vorstellung (beliebig lang) sowie „kontemplatives Warten am Hauptbahnhof auf den nächsten Regionalexpress nach Hamburg“.
„Wir haben auch überlegt, ein zweites Schloss zu bauen“, räumte Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum ein. „Aber das Budget reichte nur für den Aktivitäten-Katalog. Der hat 12.000 Euro gekostet. Vollfarbe.“
Die Industrie- und Handelskammer begrüßte die Maßnahme. „Endlich werden Touristen gezwungen, auch in die Marienplatz-Galerie zu gehen“, so ein Sprecher. „Vielleicht merken sie dann, dass wir noch andere Geschäfte haben. Also, hatten. Einige sind noch da.“
Kritiker werfen der Stadt vor, das eigentliche Problem zu ignorieren: dass es in Schwerin schlicht nicht genug zu tun gibt, um sechs Stunden zu füllen. Die Stadtverwaltung wies dies zurück. „Schwerin hat alles, was man braucht. Man muss es nur finden. Und Zeit haben. Mindestens sechs Stunden.“
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