Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns hat am Donnerstag offiziell die Einführung einer eigenen Zeitzone beantragt. Die „Schweriner Ortszeit“ (SOZ) soll 15 Jahre hinter der mitteleuropäischen Zeit liegen und damit, so die Stadtverwaltung, „endlich den gefühlten Zustand auch formal abbilden“.
Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum stellte das Konzept am Vormittag vor — beziehungsweise am Vormittag nach SOZ, was kalendarisch dem 26. Februar 2011 entsprechen würde. „Wir haben jahrelang versucht, mit der Zeit Schritt zu halten“, erklärte Nottebaum. „Das hat nicht funktioniert. Also haben wir beschlossen, die Zeit an uns anzupassen.“
Gutachten bestätigt: Schwerin lebt bereits in der Vergangenheit
Grundlage des Antrags ist ein 340-seitiges Gutachten des Instituts für angewandte Stagnationsforschung an der Universität Greifswald. Die Studie verglich den Stand der Digitalisierung, die ÖPNV-Taktung, das kulturelle Angebot und die Einzelhandelssituation mit anderen deutschen Landeshauptstädten. Das Ergebnis: Schwerin operiert durchschnittlich 14,7 Jahre hinter dem Bundesdurchschnitt. Bei der Nahverkehrsinfrastruktur seien es sogar 23 Jahre.
„Wenn in Schwerin jemand sagt ‚Das ist die Zukunft‘, meint er damit in der Regel etwas, das in Leipzig seit 2014 Standard ist.“
Prof. Dr. Helga Warteschleife, Leiterin der Studie
Die praktischen Auswirkungen wären erheblich. Fahrpläne der NVS müssten nicht angepasst werden, da die Straßenbahnen laut Fahrgastbeschwerden ohnehin nie pünktlich kommen und ein 15-Jahres-Versatz „im Rahmen der üblichen Toleranz“ läge. Die Geschäftsöffnungszeiten in der Innenstadt blieben ebenfalls unverändert, da es nach SOZ dann offiziell 2011 wäre — ein Jahr, in dem der Marienplatz immerhin noch ein Drittel mehr Geschäfte hatte.
Tourismus-Verband sieht „enormes Potenzial“
Der Tourismusverband Schwerin zeigte sich begeistert. „Zeitreisen sind ein Megatrend“, sagte Sprecherin Antje Rückwärts-Möhring. „Andere Städte bauen dafür teure Erlebnisparks. Bei uns reicht es, aus dem Zug zu steigen.“ Man plane bereits eine Marketingkampagne unter dem Slogan „Schwerin — wo die Vergangenheit noch Gegenwart ist“. Der Slogan musste allerdings leicht angepasst werden, da er zunächst für das Stadtmarketing des Jahres 2019 gehalten wurde.
Kritik kam ausgerechnet aus der eigenen Stadtvertretung. Der Vorsitzende des Ausschusses für Zukunftsfragen — ein Gremium, das seit seiner Gründung 2018 noch keine einzige Beschlussvorlage verabschiedet hat — nannte den Vorstoß „voreilig“. Man solle zunächst eine interfraktionelle Arbeitsgruppe einsetzen, die bis 2028 Handlungsempfehlungen erarbeite. Nach SOZ wäre das 2013, was der Ausschussvorsitzende als „ambitioniert, aber machbar“ bezeichnete.
Die Bundesregierung hat den Antrag bislang nicht kommentiert. Aus dem Bundesverkehrsministerium hieß es lediglich, man habe die Anfrage erhalten, allerdings per Fax — und sei sich nicht sicher, ob sie ernst gemeint sei. Eine Rückmeldung erfolge „zeitnah“, was nach Schweriner Zeitrechnung ungefähr 2040 bedeuten dürfte.
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