Die Landeshauptstadt Schwerin hat eine neue Methode zur Bevölkerungsstatistik entwickelt, die das chronische Einwohnerdefizit endgültig lösen soll. Ab sofort werden Besucher der Stadt, die sich länger als 47 Minuten auf Schweriner Gebiet aufhalten, automatisch als „temporäre Einwohner mit Bleibeperspektive“ erfasst.
Der Hintergrund: Mit 98.308 Einwohnern fehlen der Landeshauptstadt exakt 1.692 Menschen zur magischen 100.000er-Marke – und damit zu höheren Fördermitteln, einem besseren Ranking und dem Ende peinlicher Vergleiche mit Orten wie Neubrandenburg. „Wir haben alle klassischen Methoden versucht“, erklärte ein Sprecher der Stadtverwaltung. „Arbeitsplätze schaffen, Wohnraum entwickeln, Nachtleben ermöglichen. Hat alles nicht funktioniert. Jetzt denken wir statistisch kreativer.“
Die 47-Minuten-Regel
Die Grenze von 47 Minuten wurde nach umfangreichen Studien festgelegt. „Das ist die durchschnittliche Zeit, die ein Tourist braucht, um das Schloss zu fotografieren, einmal um den Pfaffenteich zu laufen und dann festzustellen, dass es hier sonst nichts gibt“, so der Sprecher. „Wer danach noch bleibt, hat offensichtlich Bindung zur Stadt aufgebaut.“
Erfasst werden die Besucher über ein System aus WLAN-Trackern, Parkscheinautomaten und der neuen Schwerin-App „SN Check-In“, die bei Installation automatisch die Aufenthaltsdauer misst. „Ganz freiwillig, völlig anonym, und trotzdem zählen wir Sie mit“, versichert die Stadtverwaltung.
Ich war letzte Woche für eine Stunde auf dem Bahnhof, weil mein Anschlusszug nach Rostock Verspätung hatte. Jetzt bin ich offenbar Schweriner. Meine Frau in Hamburg weiß noch nichts davon.
Klaus-Dieter M. (54), versehentlicher Neubürger aus Pinneberg
Zusätzliche Bonuskategorien
Die Stadt hat zudem weitere Kategorien eingeführt, um die Statistik aufzupolstern. Wer in einem Schweriner Restaurant isst, gilt als „gastronomisch Ansässiger“. Wer ein Parkticket löst, wird als „mobilitätsbasierter Teilbürger“ geführt. Besonders wertvoll: Besucher des Schlossmuseums werden als „0,85 Volleinwohner“ gezählt – wegen der kulturellen Bindungskraft.
Die Umwandlung in echte Einwohnerzahlen erfolgt über einen komplexen Algorithmus, den die Stadt von einem Drittanbieter aus Güstrow hat entwickeln lassen. „Wir multiplizieren die temporären Einwohner mit einem Bleibefaktor, dividieren durch die Rückfallquote und addieren einen Hoffnungswert“, erklärt der zuständige Referent. „Die Mathematik ist solide. Die Psychologie dahinter auch.“
Kritiker bemängeln, dass die neue Zählmethode an der tatsächlichen Lage nichts ändere. „Egal wie Sie zählen – die jungen Leute ziehen trotzdem nach Hamburg“, so ein Stadtvertreter der Opposition. Die Verwaltung kontert: „Aber wenn die in Hamburg sind und an Schwerin denken, könnte man das theoretisch auch erfassen. Daran arbeiten wir.“
Die neue Zählmethode soll erstmals zum Stichtag 30. Juni 2026 angewendet werden. Die Stadt rechnet mit einem „sprunghaften Bevölkerungswachstum“ von mindestens 12.000 Personen – hauptsächlich Tagestouristen, Durchreisende und Menschen, die versehentlich die falsche Autobahnabfahrt genommen haben.
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