Die Landeshauptstadt Schwerin hat heute ein umfassendes Rebranding ihrer Straßenbahnflotte angekündigt. Unter dem Motto „Vintage-Charme auf Schienen“ werden die zwischen 2001 und 2003 angeschafften Fahrzeuge künftig als bewusste Design-Entscheidung vermarktet. „Während andere Städte blind dem Zeitgeist folgen und ständig modernisieren, setzen wir auf zeitlose Werte“, erklärte Verkehrsdezernent Bernd Nothdurft bei einer Pressekonferenz am Hauptbahnhof.
Die durchschnittlich 23 Jahre alten Straßenbahnen der Nahverkehr Schwerin GmbH (NVS) sollen laut Stadtmarketing ab sofort als „rollende Zeitkapseln“ beworben werden. Eine eigens eingerichtete Arbeitsgruppe entwickelt derzeit Konzepte für nostalgische Sonderfahrten: „Wir denken an Themenwagen wie ‚2000er-Revival‘ mit VIVA-Musikvideos auf Bildschirmen und ‚Retro-Express‘ mit original Nokia 3310 als Leihgeräte für Fahrgäste“, so Nothdurft. Die technische Abteilung der NVS habe bereits bestätigt, dass die Fahrzeuge „mindestens noch 15 bis 20 Jahre“ durchhalten könnten – „wenn man nicht zu sehr beschleunigt und die Heizung im Winter auslässt“.
Konkurrenz setzt auf moderne Flotten – Schwerin auf Patina
Während Leipzig gerade eine komplett neue Straßenbahngeneration mit WLAN, Klimaanlage und barrierefreien Einstieg in Betrieb genommen hat und Rostock seine Flotte kontinuierlich austauscht, setzt Schwerin bewusst auf Beständigkeit. „Unsere Fahrgäste schätzen die Vertrautheit“, erklärt NVS-Sprecherin Karin Schober. „Wenn man morgens einsteigt und genau weiß, welcher Sitz knarzt und welche Tür klemmt – das schafft Bindung.“
Ein Vergleich mit anderen deutschen Städten zeigt: Erfurt hat seine Straßenbahnen im Schnitt alle 18 Jahre komplett erneuert, Dresden investiert kontinuierlich in Neuanschaffungen, selbst kleinere Städte wie Jena modernisieren ihre Flotten regelmäßig. Schwerin hingegen hält an seinen Bahnen fest – nicht aus Überzeugung, sondern aus Haushaltsnot, die aber nun kreativ umgedeutet wird. „Vintage ist das neue Modern“, steht bereits auf den ersten Entwürfen der Marketingkampagne.
„Ich fahre seit 22 Jahren mit der Linie 1 zur Arbeit. Es ist immer dieselbe Bahn. Ich kenne jedes Geräusch. Neulich hat sie ein neues gemacht – da hatte ich echt Angst.“
Rentnerin Edeltraud K. aus Lankow
„Patina-Faktor“ als Alleinstellungsmerkmal
Das Stadtmarketing plant bereits erste Tourismus-Kampagnen: „Erleben Sie authentische Verkehrsgeschichte der frühen 2000er“ soll auf Flyern stehen, die in Hamburger Hotels ausliegen. Ein offizieller „Retro-Day“ ist für den 23. Juni geplant – dem Tag, an dem die älteste Bahn der NVS-Flotte exakt 25 Jahre im Dienst ist. Geplant sind Sonderfahrten mit Wurstbuden am Hauptbahnhof und einer Fotoausstellung „25 Jahre, 4 Linien, 21 Kilometer Schiene“. Eintritt: 6,50 Euro pro Person, ermäßigt 5 Euro.
Die Stadtvertretung hat dem Konzept bereits zugestimmt – einstimmig, was in Schwerin äußerst selten vorkommt. „Endlich eine Idee, die nichts kostet“, lobte ein Fraktionssprecher. Ein Antrag der Grünen, wenigstens zwei neue Bahnen für die kommenden zehn Jahre einzuplanen, wurde mit dem Hinweis abgelehnt, dass dies „den Vintage-Charakter verwässern“ würde.
Kritiker merken an, dass der durchschnittliche Fahrgast weniger an Nostalgie interessiert sei als an pünktlichen Verbindungen, funktionierenden Türen und Heizungen im Winter. Die NVS weist das zurück: „Unsere Kundenzufriedenheit ist konstant. Seit 2003 unverändert bei 42 Prozent.“ Auch die Tatsache, dass das Streckennetz seit 1984 nicht erweitert wurde, könne man positiv sehen: „Weniger Strecke bedeutet weniger Verschleiß. Das ist nachhaltig.“ Dass die NVS parallel dazu Preise erhöht und Tarife streicht, passe laut Stadtmarketing „perfekt ins Retro-Konzept“.
Ab März sollen die ersten „Vintage-Aufkleber“ an den Bahnen angebracht werden – auf Höhe der Türen, damit Fahrgäste beim Warten etwas zu lesen haben. Ein eigenes Logo ist in Arbeit: Eine stilisierte Straßenbahn mit dem Slogan „Seit 2001. Immer noch da.“ Das Budget dafür: 8.500 Euro aus dem Topf für Stadtmarketing. Die letzte Straßenbahn-Neuanschaffung liegt 23 Jahre zurück. Die nächste ist frühestens für 2031 geplant – „wenn überhaupt“, so die Stadtverwaltung auf Nachfrage.
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