Die Schweriner Stadtverwaltung hat am Freitag einen Antrag beim Landesamt für Umwelt eingereicht, die gesamte Innenstadt zwischen Marienplatz und Pfaffenteich als Naturschutzgebiet auszuweisen. Begründung: Das Areal erfülle seit mindestens fünf Jahren alle Kriterien eines ungestörten Biotops.
„Wir haben monatelang Zählungen durchgeführt“, erklärte Stadtökologe Dr. Henning Brackwede bei einer Pressekonferenz im Rathaus, zu der außer ihm selbst niemand erschien. „Nach 18 Uhr bewegt sich in der Schweriner Innenstadt weniger als in einem durchschnittlichen Naturschutzgebiet in Brandenburg. Wir reden von 0,3 menschlichen Bewegungen pro Hektar und Stunde. Das ist weniger als im Nationalpark Müritz.“
Marienplatz-Galerie wird zum Besucherzentrum
Konkret sieht der Antrag vor, die geschlossenen Ladenlokale am Marienplatz als „natürliche Höhlenstrukturen“ zu klassifizieren. In den ehemaligen Geschäften seien bereits seltene Moosarten und eine stabile Population von Kellerasseln dokumentiert worden. Die Marienplatz-Galerie soll als Besucherzentrum dienen, was laut Brackwede „keine große Umstellung“ bedeute, da dort ohnehin schon mehr Infotafeln als Kunden stünden.
Wir hatten die Wahl: Entweder wir investieren 40 Millionen in Innenstadtbelebung, oder wir geben 12.000 Euro für ein Schild aus. Die Entscheidung war einstimmig.
Bernd Nottebaum, Interims-Oberbürgermeister
Besonders begeistert zeigt sich der NABU Schwerin. „Wir beobachten seit Jahren, wie sich die Natur die Innenstadt zurückerobert“, sagte Sprecherin Karin Möllendorf. Zwischen den Pflastersteinen der Fußgängerzone wachse inzwischen eine seltene Grasart, die normalerweise nur auf verlassenen Militärgeländen vorkomme. „Das ist ein ökologisches Wunder. Anderswo zahlen Kommunen Millionen für Entsiegelung. Schwerin hat das durch strategisches Nichtstun erreicht.“
Letzter Einzelhändler erhält Artenschutzstatus
Ein heikler Punkt: Drei verbliebene Einzelhändler müssten als „vom Aussterben bedrohte Spezies“ eingestuft und unter besonderen Schutz gestellt werden. Der Besitzer eines Schlüsseldienstes am Marienplatz, der seit 1994 durchhält, soll nach aktuellem Plan eine Artenschutzplakette und einen monatlichen Zuschuss von 200 Euro erhalten. „Das ist mehr als ich im Dezember Umsatz gemacht habe“, kommentierte er.
Die Gastronomie sei kein Problem, so Brackwede. „Die fünf Restaurants, die noch offen haben, schließen alle um 21 Uhr. Das stört kein Naturschutzgebiet.“ Für die Straßenbeleuchtung, die ohnehin nur noch sporadisch funktioniere, sei eine schrittweise Abschaltung geplant. „Die Fledermaüse werden es uns danken.“
Kritik kam einzig von der IHK zu Schwerin, die den Plan als „wirtschaftsfeindlich“ bezeichnete. Die Stadtverwaltung konterte trocken: „Dafür müsste es hier erst mal Wirtschaft geben.“
Das Landesamt für Umwelt will den Antrag bis Ostern prüfen. Sollte er genehmigt werden, wäre Schwerin die erste Landeshauptstadt Deutschlands mit einer unter Naturschutz stehenden Innenstadt. Die Pressemitteilung der Stadt schließt mit dem Satz: „Schwerin. Natürlich leer.“
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