Klartext

Schwerin, die Rentnerstadt

Das Durchschnittsalter in Schwerin liegt bei 47,6 Jahren. Das ist kein Tippfehler. Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern hat ein Durchschnittsalter, das näher an der Rente liegt als an der Familiengründung. Zum Vergleich: Leipzig liegt bei 42,1. Berlin bei 42,8. Selbst Hamburg, das sich als gesetzt und seriös versteht, kommt auf 42,3.

Schwerin ist nicht alt. Schwerin ist sehr alt. Und es wird jedes Jahr älter.

Die Zahlen hinter der Stille

Jeder vierte Schweriner ist über 65. In manchen Stadtteilen, Neu Zippendorf, Mueßer Holz, liegt der Anteil noch höher. Die Plattenbausiedlungen, die in den 1970ern für junge Familien gebaut wurden, sind zu Seniorenwohnanlagen geworden. Nicht umgebaut. Einfach gealtert. Zusammen mit ihren Bewohnern.

Die Stadt hat pro 10.000 Einwohner mehr Pflegeheimplätze als fast jede andere Landeshauptstadt. Die Zahl der Kinderärzte stagniert, die Zahl der Geriater steigt. Die vier Straßenbahnlinien fahren Routen, die optimiert sind für Kliniken, Friedhöfe und Einkaufszentren mit Rolltreppenbreite. Schwerin hat seine Infrastruktur nicht an seine Altersstruktur angepasst. Die Altersstruktur hat die Infrastruktur übernommen.

Ich finde es hier wunderbar ruhig. Kein Lärm, keine Hektik. Morgens zum Pfaffenteich, nachmittags ins Schlosspark-Café. Was will man mehr?

Ingrid Behrendt, 73, Renterin, Schwerin-Weststadt

Was will man mehr? Zum Beispiel eine Zukunft. Denn was für Ingrid Behrendt Lebensqualität ist, ist für eine Stadt ein Alarmsignal. Stille ist schön im Urlaub. Im Stadtentwicklungsplan ist sie ein Symptom.

Wer bezahlt das alles?

Eine Stadt lebt von Steuern. Steuern zahlen Menschen, die arbeiten. Menschen, die arbeiten, sind in der Regel zwischen 25 und 65. Diese Altersgruppe schrumpft in Schwerin seit Jahren. Junge Fachkräfte wandern ab, nach Hamburg, Berlin, Rostock. Zurück bleiben die, die bereits in Rente sind, und die, die bald in Rente gehen.

Die Gewerbesteuereinnahmen stagnieren. Die Sozialausgaben steigen. Pflege, Gesundheitsversorgung, barrierefreier Umbau: alles Posten, die wachsen. Gleichzeitig sinken die Schlüsselzuweisungen, weil die Einwohnerzahl sinkt. Es ist eine Gleichung, die man nicht lösen kann. Man kann sie nur verwalten. Und das tut Schwerin. Mit der Präzision einer Palliativstation.

Überalterung ist kein Schicksal

Man könnte jetzt sagen: Das ist halt der Osten. Strukturschwach. War schon immer so. Wird immer so bleiben. Man könnte das sagen, und man würde damit genau den Fehler machen, den Schwerins Stadtpolitik seit 30 Jahren macht: Demografie als Naturgesetz behandeln statt als Ergebnis von Entscheidungen.

Jena hat ein Durchschnittsalter von 41 Jahren. Jena liegt in Thüringen, das ist auch Ostdeutschland. Jena hat eine Universität, eine Technologieszene, Arbeitsplätze für junge Menschen. Jena hat investiert. Schwerin hat verwaltet.

Potsdam wächst, weil Potsdam Arbeitsplätze geschaffen hat. Greifswald wächst, weil Greifswald eine Universität hat. Schwerin schrumpft, weil Schwerin ein Schloss hat, vier Straßenbahnlinien und einen Runden Tisch, der sich zweimal im Jahr trifft.

Wir haben mit der Ansiedlung des Bundesamts für Strahlenschutz einen wichtigen Impuls gesetzt. Schwerin ist auf dem richtigen Weg.

Dr. Heinrich Paulsen, Stadtentwicklungsausschuss (fiktiv)

Ein Bundesamt. Ein einziges. Als Impuls für eine ganze Stadt. In Leipzig siedeln sich pro Quartal mehr Start-ups an als in Schwerin pro Jahrzehnt. Aber klar, wir haben jetzt ein Bundesamt. Problem gelöst.

Die Wahrheit ist: Schwerin schläft ein. Nicht laut und dramatisch, sondern leise und höflich, wie eine Stadt, die den Fernseher um 20:15 einschaltet und um 21 Uhr schon nickt. Die Ampeln schalten nachts auf Gelb. Die Restaurants schließen um 22 Uhr. Die Straßen sind leer, und niemand vermisst den Lärm, weil die, die Lärm machen würden, längst woanders sind.

Überalterung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von 30 Jahren politischem Stillstand, verpackt in Sonntagsreden über die Perle am See. Die Perle glänzt noch. Aber sie wird jedes Jahr ein bisschen matter. Und irgendwann merkt auch der letzte Lokalpolitiker, dass man von Glanz allein keine Zukunft finanziert.

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