Schwerin. Die Landeshauptstadt hat einen neuen Grund zum Feiern gefunden: Die Marienplatz-Galerie, einst als Herzstück der Innenstadt-Revitalisierung gepriesen, hat nach 20 Jahren endlich bewiesen, was sie kann – den Leerstand effizient an einem Ort konzentrieren. „Früher musste man durch die halbe Innenstadt laufen, um geschlossene Geschäfte zu sehen“, erklärt Stadtsprecher Ralf Wiemers. „Heute reichen 50 Meter.“
Die Eröffnung der Galerie im Jahr 2005 wurde damals als Meilenstein gefeiert. Endlich sollte die Schweriner Innenstadt mit Rostock und Lübeck konkurrieren können. Zwanzig Jahre später ist klar: Die Konkurrenz findet nicht statt. Sie wurde abgesagt – mangels Teilnehmer auf Schweriner Seite.
„Die Galerie hat alles an sich gezogen“
Was passierte, war einfache Physik: Die Galerie zog die verbliebene Kaufkraft aus den umliegenden Straßen ab wie ein schwarzes Loch das Licht. Der Einzelhandel in der Schloßstraße, der Wismarischen Straße und der Buschstraße bekam das zu spüren. Geschäft um Geschäft schloss, während drinnen in der Galerie H&M und Douglas ihre Filialen betrieben – bis auch die irgendwann merkten, dass 98.000 Einwohner nicht drei Drogeriemärkte brauchen.
„Meine Mutter hat hier früher immer eingekauft. Jetzt kaufe ich in Hamburg – ist schneller erreicht als ein freier Parkplatz am Marienplatz.“
Lars K. (34), ehemaliger Schweriner, jetzt Pendler
Die Stadtvertretung sieht die Entwicklung gelassen. Ein interfraktioneller Arbeitskreis „Innenstadtbelebung“ wurde bereits 2018 gegründet, tagte seither 47 Mal und empfahl zuletzt die Prüfung eines Leerstandskatasters. Das Kataster existiert mittlerweile. Es ist 14 Seiten lang. „Das zeigt, dass wir das Problem erkannt haben“, so ein Sprecher der Fraktion.
Lebensqualität durch Abwesenheit
Immerhin: Die Schweriner haben sich arrangiert. „Ich mag die Ruhe“, sagt Rentnerin Irmgard Voß (71), während sie am Marienplatz sitzt und auf das geschlossene Schuhgeschäft starrt. „Früher war hier so viel los, da konnte man gar nicht in Ruhe auf einer Bank sitzen.“ Das Problem hat sich gelöst. Die Bank ist noch da. Nur sitzt außer ihr niemand mehr darauf.
Die Marienplatz-Galerie selbst gibt sich zuversichtlich. „Wir arbeiten kontinuierlich an der Optimierung unseres Mietermixes“, heißt es aus dem Center-Management. Konkret bedeutet das: Die fünfte Handyhüllen-Boutique zwischen dem Nagelstudio und dem dauerhaft geschlossenen Café. Außerdem wird geprüft, ob sich der ehemalige Media-Markt-Bereich nicht für „innovative Nutzungskonzepte“ eignet – ein Fluchtspiel, ein Indoor-Minigolf, oder, wie ein internes Papier vorschlägt, „eine Art Museum für den deutschen Einzelhandel“.
Bis dahin bleibt Schwerin seiner Linie treu: Die Innenstadt ist historisch gewachsen. Dass sie seit 20 Jahren nicht mehr wächst, sondern schrumpft, ist dabei reine Definitionssache. Denn Schrumpfung ist ja auch eine Form von Wachstum – nur in die andere Richtung.
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