Gesellschaft

Schwerin bewirbt sich als Atom-Endlager: „Hier passiert seit 30 Jahren nichts, ideal für die nächsten 10.000“

Die Landeshauptstadt Schwerin hat sich offiziell beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung als Standort für das deutsche Atom-Endlager beworben. Wie Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum am Donnerstag mitteilte, erfülle die Stadt „sämtliche Kriterien, die man an einen Ort stellt, an dem sich für die nächsten 10.000 Jahre nichts verändern darf“.

Die Bewerbung umfasst 240 Seiten und wurde von der interfraktionellen Arbeitsgruppe „Zukunftsfähige Nutzlosigkeit“ erarbeitet. Kernargument: Schwerin habe in den vergangenen drei Jahrzehnten bewiesen, dass es in der Lage sei, jede Form von Veränderung zuverlässig zu verhindern. Kein neuer Club, kein ICE-Anschluss, keine nennenswerte Zuwanderung. Die geologische Stabilität sei damit das geringste Problem.

„Stillstand ist unser Exportschlager“

Besonders überzeugt habe die Gutachter laut Bewerbungsunterlagen die sogenannte „Schweriner Trägheitskonstante“. Ein eigens beauftragtes Forschungsteam der Universität Rostock hat errechnet, dass die Wahrscheinlichkeit einer strukturellen Veränderung in Schwerin bei 0,003 Prozent pro Jahrhundert liegt. Zum Vergleich: Die Halbwertszeit von Plutonium-239 beträgt 24.000 Jahre. „Schwerin ist stabiler“, heißt es im Gutachten.

Andere Kommunen müssen aufwändig nachweisen, dass sich an ihrem Standort nichts bewegt. Wir müssen nur auf unsere Straßenbahnlinien verweisen.

Dr. Hagen Warnkross, Dezernent für strategische Unbeweglichkeit

Die Stadtvertretung hat die Bewerbung einstimmig beschlossen. Einzig die Fraktion der Grünen enthielt sich, allerdings nicht aus Protest gegen Atomkraft, sondern weil sie den Antrag erst in der nächsten Legislaturperiode behandeln wollte. Der zuständige Ausschuss hatte die Vorlage zuvor dreimal vertagt, zweimal an einen Unterausschuss überwiesen und einmal versehentlich als Straßenreinigungsplan archiviert.

Bundesamt zeigt sich „beeindruckt“

Beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung reagierte man verhalten positiv. „Normalerweise prüfen wir Gesteinsformationen auf ihre Eignung. Bei Schwerin reicht ein Blick auf die Leerstandsquote am Marienplatz“, sagte ein Sprecher. Besonders der Umstand, dass die letzte messbare wirtschaftliche Aktivität in der Innenstadt auf das Jahr 2009 datiert werden konnte, habe die Experten beeindruckt.

Als möglichen Standort hat die Stadt das Gelände des ehemaligen Strandhotels Zippendorf vorgeschlagen. „Da steht seit 20 Jahren ein Gebäude, das niemand abreißt und niemand saniert. Perfekte Bedingungen für ein Endlager“, erklärte Nottebaum. Die Tatsache, dass bereits ein 800-Seiten-Gutachten zum Objekt vorliege, spare zusätzlich Planungszeit.

Kritik kam einzig vom Schweriner Stadtmarketing. Die Abteilung hatte vorgeschlagen, das Endlager unter dem Claim „Strahlende Zukunft für die Perle am See“ zu vermarkten. Der Vorschlag wurde abgelehnt, weil er „zu optimistisch“ klinge.

Auf die Frage eines SVZ-Reporters, ob die Bürger nicht besorgt seien, antwortete ein Rentner am Pfaffenteich gelassen: „Radioaktive Strahlung? Schlimmer als das WLAN hier kann’s auch nicht sein.“ Die Bewerbungsfrist endet im Dezember 2026. Schwerin rechnet mit einer Entscheidung „irgendwann in den nächsten 40 Jahren“. Oder, wie man in der Landeshauptstadt sagt: übermorgen.

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