Kultur

Schwerin beruft erste Nachtbürgermeisterin — Hauptaufgabe: kontrollieren, ob die Laternen am Pfaffenteich noch brennen

Was andere Städte können, kann Schwerin schon lange — es dauert nur ein bisschen. Während Berlin, Mannheim und Amsterdam seit Jahren Nachtbürgermeister beschäftigen, die sich um Clubkultur, Lärmkonflikte und das pulsierende Nachtleben kümmern, hat nun auch die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns nachgezogen. Die Stadtvertretung beschloss am Donnerstagabend mit knapper Mehrheit die Einrichtung einer „Beauftragten für nächtliche Stadtangelegenheiten“. Besetzt wurde die Stelle mit der 58-jährigen Verwaltungsfachwirtin Gisela Treptow-Mühlenbach, die sich gegen null Mitbewerber durchsetzte.

„Wir senden damit ein klares Signal: Schwerin nimmt sein Nachtleben ernst“, erklärte Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum bei der Vorstellung. Auf die Nachfrage, worin dieses Nachtleben genau bestehe, verwies er auf „die vielfältige Laternenlandschaft entlang des Pfaffenteichs“ sowie „mindestens zwei Tankstellen, die bis Mitternacht geöffnet haben“.

Aufgabenprofil: 23 Seiten für eine Stadt, die um 21 Uhr schläft

Die Stellenausschreibung, die dem Vernehmen nach 23 Seiten umfasste, liest sich wie ein Dokument aus einer Parallelwelt. Zu den Kernaufgaben der Nachtbürgermeisterin gehören unter anderem: die Vermittlung zwischen Gastronomen und Anwohnern (wobei erstere um 22 Uhr schließen und letztere um 21 Uhr schlafen), die Förderung kultureller Nachtangebote (aktueller Bestand: null) sowie die Erstellung eines „Nachtlebenskonzepts 2030“. Ein Entwurf soll laut Verwaltungsvorlage bis 2028 vorliegen.

„Ich freue mich auf die Herausforderung. In meiner ersten Woche werde ich eine Bestandsaufnahme machen — also einmal um 22:30 Uhr durch die Innenstadt laufen. Das sollte reichen.“

Gisela Treptow-Mühlenbach, Nachtbürgermeisterin der Landeshauptstadt Schwerin

Kritiker bezeichneten die Stelle als „teuersten Spaziergang seit der BUGA 2009“. Die Kosten für die E12-Stelle belaufen sich auf geschätzte 58.000 Euro jährlich, zuzüglich eines Dienstwagens, der allerdings nur zwischen 20 und 6 Uhr genutzt werden darf. SPD-Fraktionschef Helmut Wendelstein verteidigte die Entscheidung: „Andere Städte geben Millionen für Nachtkultur aus. Wir geben 58.000 Euro aus, damit jemand offiziell bestätigt, dass es keine gibt. Das ist effizienter.“

Erste Amtshandlung: Entenzählung am Pfaffenteich

Ihre erste offizielle Amtshandlung absolvierte Treptow-Mühlenbach bereits am Mittwochabend. Bei einer „nächtlichen Erkundungstour“ durch die Schweriner Innenstadt dokumentierte sie auf 14 handschriftlichen Seiten den Zustand des Nachtlebens. Das Ergebnis: Zwischen 22 und 23 Uhr begegnete sie einem Taxifahrer, der auf dem Marienplatz auf einen Kunden wartete („seit Dienstag“, wie er angab), drei Enten am Pfaffenteich sowie einer Straßenlaterne, die seit 2019 defekt ist und die sie umgehend dem Stadtwerke-Notdienst meldete.

Der Taxifahrer, der namentlich nicht genannt werden möchte, äußerte sich vorsichtig optimistisch: „Wenn die Nachtbürgermeisterin jeden Abend hier langkommt, verdoppelt sich mein Kundenaufkommen.“

Besonders ambitioniert klingt Punkt 7 des Aufgabenkatalogs: „Vernetzung mit der lokalen Clubszene.“ Auf Nachfrage räumte die Verwaltung ein, dass dieser Punkt „perspektivisch“ zu verstehen sei. Schwerin hat seit der Schließung des letzten Clubs vor über 15 Jahren keine Clubszene mehr. Die Nachtbürgermeisterin soll stattdessen „Impulse setzen“ — etwa durch eine jährliche „Lange Nacht der offenen Tankstellen“ oder einen „Runden Tisch Nachtkultur“, zu dem bislang allerdings nur der Betreiber einer Dönerbude in der Wismarischen Straße zugesagt haben soll.

„In Amsterdam kümmert sich der Nachtbürgermeister um 1.500 Clubs und Bars. In Schwerin kümmere ich mich darum, dass die Ampeln nachts korrekt auf Gelb blinken. Beides hat seine Berechtigung.“

Gisela Treptow-Mühlenbach im Interview mit der SVZ (Auflage: schrumpfend)

Die Opposition reagierte erwartbar. AfD-Stadtvertreter Thomas Krüger sprach von „Steuerverschwendung an einer Stadt, die schon tagsüber kaum Lebenszeichen zeigt“. Die Linke forderte, das Geld stattdessen in einen Nachtbus zu investieren, damit wenigstens jemand theoretisch irgendwohin fahren könnte. Die Grünen begrüßten die Stelle grundsätzlich, regten aber an, den Fokus auf „nachtaktive Biodiversität am Pfaffenteich“ zu legen.

Das kulturelle Vakuum nach Einbruch der Dunkelheit ist in Schwerin seit Jahren dokumentiert. Treptow-Mühlenbach selbst bleibt gelassen. Auf die Frage, ob sie sich Sorgen mache, in einer Stadt ohne Nachtleben ein Nachtleben managen zu müssen, antwortete sie: „Ich war 30 Jahre in der Schweriner Verwaltung. Ich bin es gewohnt, Dinge zu verwalten, die nicht existieren.“

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