Gesellschaft

Schwerin bekommt endlich ein neues Herz – aber nur ein einziger Bewohner profitiert

Die Landeshauptstadt Schwerin hat ein neues Herz bekommen. Leider nicht im übertragenen Sinne — keine neue Infrastruktur, kein Wirtschaftsaufschwung, kein kulturelles Erwachen. Es handelt sich um ein ganz wörtliches Herz, das der 60-jährige Holger Niehs nach jahrelangem Warten in einem Berliner Krankenhaus transplantiert bekam. Schwerin selbst wartet derweil seit der Bundesgartenschau 2009 vergeblich auf irgendeine Form der Wiederbelebung.

Die Geschichte klingt zunächst wie ein Wunder: Ein Mann aus der Stadt, in der Azubis und Rentner um die letzte Sozialwohnung kämpfen, bekommt nach zwei Jahren auf der Warteliste ein neues Organ. Dass er dafür nach Berlin musste, überrascht in Schwerin niemanden. Für einen neuen Personalausweis muss man hier auch erst nach Wismar fahren.

Wartezeit kürzer als die auf den ICE-Anschluss

Niehs wartete zwei Jahre auf sein Spenderherz. Das klingt lang — bis man bedenkt, dass Schwerin seit 1991 auf eine vernünftige ICE-Anbindung nach Hamburg wartet. „Am Ende hab ich die 50 Meter bis zum Briefkasten nur noch mit Pause geschafft“, erinnert sich Niehs an seine schlimmste Phase. Schwerin-Kenner weisen darauf hin, dass 50 Meter in der Landeshauptstadt bereits als Langstrecke gelten und die Straßenbahn dafür eigentlich zuständig wäre — wenn sie denn käme.

Heute fährt der Transplantierte 30 Kilometer mit dem Fahrrad um den Schweriner See. Damit legt er täglich mehr Strecke zurück als die vier Straßenbahnlinien der Landeshauptstadt zusammen. Sein Enkel braucht beim gemeinsamen Fußball als Erster eine Pause. In Schwerin ist das keine Leistung — im Durchschnitt braucht hier jeder eine Pause, sobald er aufsteht.

Selbsthilfegruppe: „Zweite Chance“ — ein Konzept, das die ganze Stadt braucht

Besonders bemerkenswert: Niehs gründet nun eine Selbsthilfegruppe für Transplantierte und deren Angehörige. Der Name „Zweite Chance durch Transplantation“ klingt in einer Stadt mit 98.308 Einwohnern und sinkender Tendenz wie ein Programm, das die gesamte Bevölkerung ansprechen sollte. Denn wer in Schwerin lebt, wartet gewissermaßen auch auf eine Transplantation — nur eben die der Stadtentwicklung in einen funktionierenden Organismus.

„Für meine Frau war das eine schlimme Zeit. Sie wartete allein. Auch in Ungewissheit.“

Holger Niehs über die Wartezeit — eine Beschreibung, die auf jeden Schweriner Pendler zutrifft, der am Hauptbahnhof auf den Regionalexpress steht

In Deutschland warten über 8.500 Menschen auf ein Spenderorgan. In Schwerin warten 98.308 Menschen auf eine Stadtregierung, die irgendetwas transplantiert: Ideen, Investitionen, Perspektiven — egal was, Hauptsache es schlägt. Niehs schrieb einen anonymen Dankesbrief an die Familie seines Spenders. Der Brief kam ungeöffnet zurück. In Schwerin hat man Erfahrung damit, dass Briefe unbeantwortet bleiben — die Bürgeranfragen an die Stadtvertretung kommen seit Jahren so zurück.

Immerhin: Ein Schweriner hat bewiesen, dass ein neues Herz Großes bewirken kann. Jetzt muss nur noch jemand eines für die restlichen 98.307 Einwohner finden. Die Warteliste ist lang — aber kürzer als die für den Breitbandausbau im Großen Dreesch.

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