Die Landeshauptstadt Schwerin hat am Donnerstag eine historische Initiative gestartet: Das städtische Jugendamt wurde offiziell beauftragt, bis 2027 ein „Konzept zur Etablierung nachtlebensähnlicher Strukturen“ zu entwickeln. Die Entscheidung fiel einstimmig in der Stadtvertretung, nachdem eine interfraktionelle Arbeitsgruppe festgestellt hatte, dass Schwerin als einzige Landeshauptstadt Deutschlands keinen einzigen Club für unter 60-Jährige besitzt.
„Das Jugendamt ist doch zuständig für junge Menschen“, erklärte Sozialdezernent Herbert Klingbeil die Wahl der Behörde. „Und wer geht in Clubs? Junge Menschen. Die Logik ist wasserdicht.“ Dass die Mitarbeiter des Jugendamts primär mit Kinderschutzfällen und Kitaplatz-Vergabe befasst sind, sei laut Klingbeil „eine Frage der Priorisierung“.
Erste Konzeptentwürfe sehen „betreutes Tanzen“ vor
Aus internen Dokumenten, die dieser Redaktion vorliegen, geht hervor, dass das Jugendamt bereits erste Ideen entwickelt hat. Ein Entwurf sieht vor, die ehemalige Disco „Zenit“ am Schweriner See als „Jugendfreizeittreff mit rhythmischer Bewegungskomponente“ wiederzubeleben. Öffnungszeiten: Freitags von 18 bis 21:30 Uhr. Alkoholausschank nur mit Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten.
„Endlich nimmt sich jemand der Sache an. Dass es das Jugendamt ist, überrascht mich nicht – in Schwerin ist ja auch der Winterdienst für die Radwege zuständig, und der macht auch nichts.“
Thorben Wilke (26), Barkellner in Hamburg, aufgewachsen in Schwerin
Die Stadt verweist darauf, dass das Konzept „ergebnisoffen“ entwickelt werde. Eine Steuerungsgruppe unter Beteiligung des Ordnungsamts, der Lärmschutzbeauftragten und des Seniorenbeirats soll sicherstellen, dass „alle Perspektiven berücksichtigt werden“. Der Seniorenbeirat habe bereits signalisiert, dass Musik nach 22 Uhr „nicht unbedingt zielführend“ sei.
Rostock schickt Beraterteam – gegen Aufwandsentschädigung
Die Nachbarstadt Rostock, die über eine funktionierende Club-Szene verfügt, hat ihre Unterstützung angeboten. „Wir können ein Expertenteam schicken, das erklärt, wie eine Bar funktioniert, die nach 22 Uhr noch offen ist“, sagte ein Sprecher der Rostocker Kulturbehörde. Das Angebot wurde von Schweriner Seite höflich abgelehnt. Man wolle „eigene Lösungen entwickeln, die zur Stadt passen“.
Kritiker werfen der Stadt vor, das Problem seit Jahren zu ignorieren. Die letzte nennenswerte Diskothek, das E-Werk, schloss 2019. Der Speicher am Pfaffenteich ist seit 2017 Geschichte. Seitdem fahren Schweriner unter 30 für jeden Abend, der über Pizzeria-Besuch hinausgeht, nach Hamburg oder Berlin. Die Deutsche Bahn profitiert: Der letzte Regionalexpress am Samstagabend nach Schwerin ist regelmäßig leer.
„Ich verstehe die Aufregung nicht. Wir haben doch das Staatstheater. Da gibt es sogar Abendvorstellungen bis 22:15 Uhr.“
Ingrid Mewes (68), Stadträtin, zum Thema befragt
Das Jugendamt plant, erste Konzeptergebnisse im Herbst 2026 vorzulegen. Danach sollen die Vorschläge in den zuständigen Ausschüssen beraten werden. Mit einer Umsetzung rechnet die Stadt „perspektivisch ab 2029“. Ob es bis dahin noch unter 30-Jährige in Schwerin gibt, die das Angebot nutzen könnten, sei laut Demografie-Experten „statistisch unwahrscheinlich“.
Die Stadt empfiehlt bis zur Umsetzung: den Döner am Marienplatz, der samstags bis 23 Uhr geöffnet hat. „Das ist auch eine Art von Nachtleben.“
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