Jede Stadt hat dieses eine Viertel. Das Viertel, das auf Instagram funktioniert. Das Viertel, in dem die Makler aufstrebend schreiben und die Mieten steigen. Das Viertel, das Leute meinen, wenn sie sagen: Schwerin hat auch schöne Ecken. In Schwerin heißt dieses Viertel Schelfstadt. Es ist ungefähr 0,3 Quadratkilometer groß. Das reicht.
Kopfsteinpflaster, sanierte Altbauten, ein paar Cafés mit Hafermlch-Option, der Schelfmarkt, auf dem einmal im Jahr Weihnachtsbäume verkauft werden – und sonst eine Kirche und ein Café stehen. Es gibt sogar Bäume, die nicht tot sind. Für Schweriner Verhältnisse ist das der Stadtteil gewordene Beweis, dass Urbanität kein Fremdwort sein muss.
Die 0,3-Quadratkilometer-Blase
Das Problem ist nicht die Schelfstadt. Das Problem ist alles drumherum. Denn sobald man die unsichtbare Grenze des Viertels überschreitet, ist man wieder in Schwerin. Richtig Schwerin. Mit Leerstand, grauem Putz und Bürgersteigen, auf denen das Gras durch die Ritzen wächst.
Die Schelfstadt hat ungefähr 4.500 Einwohner. Das sind 4,5 Prozent der Stadtbevölkerung. 4,5 Prozent der Schweriner leben in einem Stadtteil, der nach europäischem Maßstab als normal bewohnbar durchgeht. Die anderen 95,5 Prozent leben in den restlichen Stadtteilen, die im besten Fall funktional und im schlechtesten Fall Großer Dreesch sind.
Ich habe drei Jahre in der Schelfstadt gewohnt. Dann bin ich nach Leipzig gezogen. Der ganze Stadtteil Plagwitz ist so, wie ich mir vorgestellt hatte, dass ganz Schwerin sein könnte.
Jana, 29, ehemalige Schwerinerin
Wer in der Schelfstadt wohnt, lebt in einer Art Paralleluniversum. Man geht morgens zum Bäcker, trinkt einen ordentlichen Kaffee, schlendert am Pfaffenteich vorbei und denkt: Eigentlich ganz nett hier. Man könnte den ganzen Tag in diesem Radius verbringen und fast vergessen, dass man in Schwerin ist. Fast. Bis man abends um 21 Uhr feststellt, dass auch in der Schelfstadt alles geschlossen hat.
Die Stadt könnte. Sie will nur nicht.
Das eigentlich Tragische an der Schelfstadt ist nicht, dass sie existiert. Es ist, dass sie beweist, was möglich wäre. Sanierte Altbauten, kleinteiliger Einzelhandel, Gastronomie mit Qualität, Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum. Alles keine Raketenwissenschaft. Alles machbar. Und trotzdem beschränkt auf 0,3 Quadratkilometer.
In Erfurt sieht die halbe Innenstadt so aus. In Potsdam erst recht. Sogar Greifswald hat mehr zusammenhängende Altstadt-Substanz als Schwerin. Aber Schwerin hat sich entschieden, die Schelfstadt als Ausnahme zu behandeln statt als Blaupause. Man zeigt auf sie wie auf ein Ausstellungsstück: Seht her, das können wir auch! Nur eben nicht mehr als das.
Die Schelfstadt ist das Aushängeschild Schwerins. Sie zeigt, was passiert, wenn man in Stadtviertel investiert.
Stadtmarketing-Broschüre, die den Rest der Stadt nicht erwähnt
Dreesch, Lankow, Weststadt, Mueßer Holz, Neu Zippendorf: Das sind keine Stadtteile, die man aufgeben muss. Das sind Stadtteile, die jemanden bräuchten, der an sie glaubt. Stattdessen wird die Schelfstadt gepflegt und der Rest verwaltet. Ein Viertel für die Broschüre, der Rest für die Statistik.
Die Schelfstadt ist Schwerins schönstes Argument. Und gleichzeitig sein vernichtendster Beweis: Es geht. Man tut es nur nicht.
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