Kultur

Ruderverein übergibt 150 Jahre alte Dokumente ans Stadtarchiv — Archivar spricht von „aufregendster Neulieferung seit dem Telefonbuch von 1987“

Die Schweriner Rudergesellschaft von 1874/75 e.V. hat dem Stadtarchiv einen Großteil ihrer historischen Vereinsdokumente als Dauerleihgabe übergeben. Chroniken, Fotos, Protokolle — der gesamte Papierberg, der seit Jahrzehnten in einem Bootshaus vor sich hin moderierte, hat nun ein neues Zuhause. Stadtarchivar Dr. Bernd Kasten sprach von einem „historischen Moment“. Seine Stimme soll dabei leicht gezittert haben.

Ein Großherzog, ein Boot namens „Bravo“ und null Zuschauer

Zu den Highlights der Sammlung gehört ein Foto von Großherzog Friedrich Franz III., der mit seinem Einer „Bravo“ über den Schweriner See ruderte. Das Bild beweist: Schon im 19. Jahrhundert war Rudern in Schwerin eine Sportart, bei der man garantiert in Ruhe gelassen wurde. Keine Fans, keine Tribünen, keine störenden Zuschauer — nur ein Großherzog und sein Boot. Manche Dinge ändern sich nie.

„Rudern ist ein wichtiger Teil der Stadtgeschichte. Seit über 150 Jahren wird auf den Schweriner Seen kontinuierlich Rudersport betrieben.“

Dr. Kasten betonte, dass die Herzogliche Familie zu den starken Förderern des Rudersports gehörte. Angesichts der Tatsache, dass in Schwerin heute selbst ein Fahrradweg als „sportliche Infrastruktur“ durchgeht, wirkt das fast wie Science-Fiction.

Chronik im Altpapier gerettet — Schwerin in Kurzfassung

Besonders filmreif: Die Chronik des Ruderclubs Obotrit war zwischenzeitlich verloren gegangen. Mitarbeiter einer Recycling-Firma in Meißen fanden sie im Altpapier. Die Chronik wurde glücklicherweise nicht vernichtet und nach Schwerin zurückgebracht. Dass ein zentrales Dokument Schweriner Geschichte erst im sächsischen Altpapier landen muss, bevor es jemand als wertvoll erkennt, fasst den Umgang dieser Stadt mit ihrem kulturellen Erbe besser zusammen als jede Analyse.

Die Rudergesellschaft entstand aus dem Zusammenschluss der einst sieben Schweriner Rudervereine. Sieben. Für eine Stadt, die heute Schwierigkeiten hat, einen einzigen Jugendclub zu betreiben. Geblieben sind zwei Vereine. Vom Rest existieren nur noch die Akten — was in Schwerin allerdings als durchaus lebendiges Vermächtnis gilt.

„Rudern war eine Mixtur aus Sport und Geselligkeit. Im Unterschied zu anderen Städten waren Frauen von Anfang an mit dabei.“

Dr. Jakob Schwichtenberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landeshauptstadt, wies darauf hin, dass Frauen in der Schweriner Ruderszene von Anfang an gleichberechtigt dabei waren. Schwerin: Progressive Ruderpolitik seit 1874, aber 2026 immer noch keine zweite Sehenswürdigkeit neben dem Schloss.

Im Bootshaus war kein Platz mehr — für Akten

Volker Tremel von der Schweriner Rudergesellschaft erklärte die Motivation hinter der Übergabe mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Im Bootshaus haben wir dafür wenig Platz.“ Eine Win-Win-Situation, wie er sagte. Der Verein hat wieder Platz für Boote, das Archiv hat wieder Arbeit für die nächsten zehn Jahre. Und die Vereinschronisten können endlich aufhören, sich Sorgen zu machen, dass ein besonders eifriger Putzmann die gesamte Stadtgeschichte in die Papiertonne befördert.

Besonderer Dank gilt dem Vereinschronisten Hanning Wüsthoff, Deutscher Meister 1958 im Vierer ohne und in den 1980er Jahren internationaler Schiedsrichter, der über Jahrzehnte die Unterlagen archivierte. 2005 veröffentlichte er das Buch „Rudersport in Schwerin — 1871 bis heute“. Es dürfte das einzige Buch sein, in dem Schwerin und „Sport“ ohne Ironie im selben Titel stehen.

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