Klartext

Radfahren in Schwerin: Zwischen Todesmutig und Naiv

Auf dem Papier ist Schwerin eine fahrradfreundliche Stadt. Auf dem Papier ist Schwerin auch eine wachsende Metropole am Wasser. Was auf dem Papier steht und was auf der Straße passiert, das sind in dieser Stadt traditionell zwei verschiedene Dinge.

Wer in Schwerin Fahrrad fährt, braucht drei Dinge: Mut, Gelassenheit und eine gute Krankenversicherung. Denn die sogenannte Radinfrastruktur der Landeshauptstadt besteht aus: aufgemalten Streifen, die im Nichts enden, Radwegen, die plötzlich zu Gehwegen werden, und Kreuzungen, an denen Fahrradfahrer offenbar als Dekoration betrachtet werden.

Radwege, die keine sind

Schwerins Radwegenetz ist ein Flickenteppich, gegen den selbst der Flickenteppich im Rathaus wie ein Masterplan aussieht. Auf der Wismarsche Straße, einer der Hauptverkehrsachsen, teilen sich Radfahrer die Fahrbahn mit LKWs. Auf der Hamburger Allee existiert ein Radweg, der an einer Bushaltestelle endet. Einfach endet. Keine Weiterführung, keine Umleitung, keine Erklärung. Man steht da und fragt sich: Und jetzt?

Und jetzt ist die Frage, die Schweriner Radfahrer mehrmals pro Fahrt stellen. An der Graf-Schack-Allee: Und jetzt? Am Obotritenring: Und jetzt? Am Platz der Freiheit: Und jetzt? Die Antwort ist immer dieselbe: Improvisation. Auf den Gehweg ausweichen, in den Gegenverkehr steuern, oder absteigen und schieben. Fahrradfahren in Schwerin ist weniger Fortbewegung als Abenteuersport.

Ich fahre seit acht Jahren jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit. Dreimal wurde ich fast umgefahren. Das klingt wenig. Für eine Stadt dieser Größe ist es viel.

Martin, 44, Radpendler

Der ADFC bewertet Schwerin im Fahrradklima-Test regelmäßig mit Noten im Viererbereich. Schulnote vier, in einem System bis sechs. Ausreichend. Gerade noch. Wobei ausreichend in der Fahrradwelt bedeutet: Man kommt an, wenn man Glück hat.

Kopenhagen ist 300 Kilometer entfernt. Und Lichtjahre.

Münster, Deutschlands Fahrradstadt Nummer eins, hat 310.000 Einwohner und ein lückenloses Radwegenetz. Kopenhagen, nur 300 Kilometer nördlich von Schwerin, hat Fahrrad-Autobahnen. Schwerin hat Schlaglöcher mit aufgemalten Fahrrad-Piktogrammen drauf.

Das Radverkehrskonzept der Stadt Schwerin stammt aus dem Jahr 2012 und wurde seitdem fortgeschrieben. In der Sprache der Verwaltung heißt fortgeschrieben: Es liegt in einer Schublade und wird alle drei Jahre herausgeholt, damit jemand Radverkehr in eine Pressemitteilung schreiben kann.

Wir investieren kontinuierlich in den Ausbau der Radinfrastruktur und arbeiten an einem zusammenhängenden Radwegenetz.

Pressestelle der Stadt Schwerin, auf die Frage, warum der Radweg am Pfaffenteich seit 2019 eine Baustelle ist

Fahrradfahren in Schwerin ist kein Verkehrsmittel. Es ist ein Statement. Das Statement lautet: Ich vertraue weder dieser Stadt noch diesem Radweg, aber ich mache es trotzdem. Todesmutig oder naiv. Vermutlich beides.

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