Schwerin nennt sich Perle am See. Das steht auf Postkarten, in Reiseführern, auf der Website der Stadtverwaltung und vermutlich auch auf dem Briefpapier des Oberbürgermeisters. Es ist einer dieser Sätze, die so oft wiederholt werden, dass niemand mehr fragt, ob sie stimmen. Wie Wir schaffen das oder Die Rente ist sicher.
Also prüfen wir das mal. Eine Perle. Am See. Fangen wir mit dem See an: Der ist tatsächlich da. 61,54 Quadratkilometer Wasserfläche, viertgrößter See Deutschlands. Da gibt es nichts zu meckern. Der See funktioniert. Er ist wahrscheinlich das Beste an Schwerin, und er war schon da, bevor Schwerin eine Stadt wurde. Das Problem ist nicht der See. Das Problem ist die Perle.
Montagmorgen in der Perle
Montagmorgen, 7:45 Uhr. Sie stehen am Marienplatz, dem Herzstück der Perle am See. Der Wind kommt vom Pfaffenteich und fühlt sich an wie November, obwohl es Mai ist. Von den Geschäften um den Platz hat ein Drittel geschlossen. Nicht geschlossen wie heute Ruhetag, sondern geschlossen wie für immer, Räumungsverkauf war letzten Monat. In den Schaufenstern hängen noch die Schilder von Geschäften, die es nicht mehr gibt. Wie Grabsteine des Einzelhandels.
Die Straßenbahn kommt. Eine der vier Linien, die das gesamte ÖPNV-Netz der Landeshauptstadt ausmachen. Vier Linien. München hat 13 U-Bahn-Linien und 13 Tramlinien. Aber München ist ja auch unfair als Vergleich. Nehmen wir Potsdam: 181.000 Einwohner, neun Tramlinien. Schwerin: 98.308 Einwohner, vier Linien. Auch dieser Vergleich tut weh.
Sie fahren zum Hauptbahnhof. Die ICE-Anbindung nach Hamburg ist seit Jahrzehnten ein Versprechen, das niemand einlöst. Es gibt den Regionalexpress. Zwei Stunden für 120 Kilometer. In dieser Zeit fährt man anderswo von Frankfurt nach Köln. Mit WLAN.
Perle am See? Wissen Sie, was eine Perle ist? Ein Fremdkörper, den eine Muschel umhüllt, weil er sie reizt. Wenn Sie so wollen, ist Schwerin tatsächlich eine Perle. Ein Fremdkörper in einer Landschaft, die ohne die Stadt besser aussehen würde.
Dr. Martin Hülsmann, 58, Geograf an der Uni Rostock
Das Hochglanz-Schwerin und die Wirklichkeit
Es gibt zwei Schwerins. Das eine existiert auf Instagram und in den Pressemitteilungen der Stadtverwaltung. Dort glänzt das Schloss im Abendlicht, der See schimmert türkis, und die Altstadt wirkt wie aus einem Rosamunde-Pilcher-Film. Dieses Schwerin funktioniert. Es hat Charme, Atmosphäre und Seele.
Das andere Schwerin beginnt 500 Meter hinter dem Schloss. Es besteht aus dem Großen Dreesch, Lankow und Mueßer Holz. Plattenbauten aus den 1970ern, in denen die Wohnungen schneller leerstehen als die Stadt sie abreißen kann. Spielplätze, auf denen keine Kinder spielen, weil keine Kinder da sind. Bushaltestellen, an denen Fahrpläne hängen, die eher Wunschzettel sind als verlässliche Angaben.
Zwischen diesen beiden Schwerins liegt die Lüge. Die Perle am See ist das Schwerin, das man zeigt. Das Schwerin, das man nicht zeigt, hat eine der höchsten Altersquoten aller deutschen Landeshauptstädte, eine Innenstadt, die nach 18 Uhr wirkt wie nach einer Evakuierung, und einen Arbeitsmarkt, der vor allem eines bietet: Stellen in der Landesverwaltung und im Gesundheitswesen. Letzteres ist logisch. Wo viele alte Menschen leben, braucht man viele Pfleger.
Ehrlichkeit als Zumutung
Das Problem ist nicht, dass Schwerin Schwächen hat. Jede Stadt hat Schwächen. Das Problem ist die Verweigerung, diese Schwächen zu benennen. Stattdessen: Perle am See. Kultur und Natur in einzigartiger Verbindung. Lebenswert und zukunftsfähig. Je dünner die Substanz, desto dicker der Marketing-Lack.
Wer in der Stadtvertretung das Wort Schrumpfung benutzt, wird angeschaut wie jemand, der auf einer Beerdigung lacht. Dabei schrumpft Schwerin seit der Wende. Kontinuierlich. Messbar. Dokumentiert. Die Stadt hatte 1988 noch 130.000 Einwohner. Jetzt sind es unter 100.000. Das ist kein Trend, das ist ein Befund. Aber die offizielle Erzählung lautet: Schwerin wächst wieder. Beweis: Im vergangenen Jahr sind 47 Menschen mehr zugezogen als weggezogen. 47. Mehr Menschen verlassen jeden Monat den Großen Dreesch als im ganzen Jahr nach Schwerin ziehen.
Wir haben eine Stabsstelle für Stadtmarketing. Die produziert Broschüren und Imagefilme. Wissen Sie, was wir nicht haben? Eine Stabsstelle für Ehrlichkeit.
Thomas Kröger, 51, Stadtverordneter (parteilos)
Ehrlichkeit wäre der erste Schritt. Schwerin könnte sagen: Wir sind klein, wir werden kleiner, und wir müssen reden. Stattdessen sagt Schwerin: Wir sind eine Perle. Und poliert weiter an einer Oberfläche, unter der es bröckelt. Der See ist schön. Das Schloss ist schön. Aber eine Stadt besteht aus mehr als Postkartenmotiven. Und eine Perle, die sich selbst belügt, ist am Ende nur ein Stein mit Beschichtung.
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