Klartext

Parkkarte in Schwerin: Ein halbes Jahr Bürokratie für das Recht, vor dem eigenen Büro zu stehen

Es gibt Dinge, die sollten einfach sein. Einen Brief einwerfen. Einen Termin machen. Eine Parkkarte beantragen. In Schwerin ist mindestens Letzteres ein Abenteuer, das in Umfang und Dramatik einer Odyssee gleichkommt – nur ohne Happy End und ohne Aussicht auf Ithaka.

Drei Firmen, drei Autos, ein Problem

Man stelle sich vor: Ein Unternehmer in Schwerin. Seit über 15 Jahren hier gemeldet. Drei Unternehmen, drei Fahrzeuge. Einen Kombi für Transporte, einen Transporter für größere Aufträge, einen PKW für den Alltag. Alles ordentlich angemeldet, jedes Fahrzeug auf eine andere Firma. Alle drei Unternehmen am selben Standort gemeldet, im selben Büro, in derselben Straße. Es gibt also keinerlei Unklarheit darüber, welches Fahrzeug wohin gehört. So weit, so normal.

Früher konnte man als Gewerbetreibender eine Bewohnerparkarte beantragen, die für mehrere Fahrzeuge galt. Logisch – wer morgens Plakate ausliefert, fährt vielleicht nachmittags mit dem Kleinwagen ins Büro. Je nach Auftragslage, je nach Tag. So funktioniert Unternehmertum.

Dann hat die Stadtverwaltung die Regeln geändert. Ein Auto. Pro Karte. Für ein Jahr.

Man muss sich also im Februar entscheiden, ob man im September mit dem Kombi oder dem Transporter zum Büro fährt. Als hätte man eine Glaskugel. Oder als würde es keine Rolle spielen.

Die Logik dahinter? Gibt es vermutlich keine

Wer den Transporter auf die Karte setzt, darf mit dem PKW nicht mehr parken – obwohl der PKW weniger Platz wegnimmt, weniger Abgase produziert und in jede Lücke passt. Wer den PKW anmeldet, kann keine Materialien mehr transportieren, ohne jedes Mal einen Parkplatz außerhalb der Zone zu suchen. Die Entscheidung darüber trifft übrigens das Straßenmanagement der Stadt. Menschen, die vermutlich selbst kein Auto brauchen, um zur Arbeit zu kommen – und die möglicherweise noch nie vor dem Problem standen, einen Transporter voller Messematerial irgendwo abstellen zu müssen. Flexibilität ist offenbar ein Luxus, den Schweriner Unternehmer nicht brauchen.

Dass der Antragsteller drei Unternehmen in Schwerin betreibt und Gewerbesteuer zahlt, seit manche Sachbearbeiter noch zur Schule gingen? Dass er Arbeitsplätze in Schwerin schafft, in einer Stadt die jeden einzelnen davon dringend braucht? Irrelevant. Die Unterlagen müssen trotzdem alle neu eingereicht werden. Mietvertrag, Gewerbenachweis, Zulassungsbescheinigung. Alles nochmal. Obwohl alles vorliegt. Obwohl sich nichts geändert hat. Außer den Regeln.

Die Geisterbehörde

Wer dann versucht, den Antrag durchzubekommen, betritt eine Welt, die möglicherweise nur noch auf dem Papier existiert. Emails werden weitergeleitet, aber nicht beantwortet. Zuständige Mitarbeiter sind im Homeoffice – theoretisch erreichbar, praktisch unsichtbar. Rückrufbitten verhallen. Wer nach Wochen endlich jemanden ans Telefon bekommt, darf sich anhören, dass die Unterlagen unvollständig seien. Welche genau? Das könne man leider nicht sagen, der Kollege sei gerade nicht da.

Und so vergehen Wochen. Monate. Ein halbes Jahr, in dem ein Unternehmer jeden Tag aufs Neue würfelt, wo er sein Auto abstellt. Vor dem eigenen Büro jedenfalls nicht – da steht nämlich jemand mit Bewohnerparkausweis, der vormittags um elf noch schläft.

Alternativen? Welche Alternativen?

Die Stadt würde vermutlich sagen: Nehmen Sie doch den ÖPNV. Ein berechtigter Vorschlag – wenn es denn einen gäbe. In manchen Teilen Schwerins fährt morgens ein Bus und abends einer zurück. Dazwischen: nichts. Wer Plakate, Drucksachen oder Equipment transportieren muss, kann das schlecht im Linienbus tun. Zwischen einem Rollator und einem Kinderwagen ist für eine 295 mal 250 Zentimeter große Messegrafik erfahrungsgemäß wenig Platz.

Man könnte auch das Fahrrad nehmen. Im Februar. Mit einem Transporter voller Material. Über Schweriner Radwege, die in weiten Teilen aus der Kategorie „Abenteuerurlaub“ stammen.

Was bleibt

Was bleibt, ist das Gefühl, dass die Stadtverwaltung Unternehmer nicht als Motor der Stadt sieht, sondern als lästige Antragsteller, die bitte schön die richtigen Formulare mitbringen sollen. In dreifacher Ausfertigung. Und wenn sich die Regeln ändern, bitte nochmal von vorn.

Schwerin will Unternehmer anlocken. Schwerin will Wirtschaft fördern. Schwerin will wachsen. Aber eine Parkkarte? Dafür braucht man ein halbes Jahr, einen Anwalt und vermutlich Nerven, die man als Schweriner Unternehmer ohnehin nicht mehr hat.

Parken in Schwerin ist kein Recht. Es ist eine Prüfung. Und die Stadtverwaltung ist der Prüfer, der nie im Büro ist.

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