Schwerin. Die Nahverkehr Schwerin GmbH (NVS) hat am Freitag die Bestellung von 18 neuen Niederflur-Straßenbahnen bekanntgegeben. Die Lieferung wird voraussichtlich 2034 abgeschlossen sein. Bis dahin werden die aktuellen Fahrzeuge aus den Baujahren 2001 bis 2003 laut Denkmalschutzbehörde die Kriterien für eine Eintragung als technisches Kulturdenkmal erfüllen.
„Wir freuen uns sehr über die neuen Bahnen“, sagte NVS-Geschäftsführer Karsten Holzberg bei einer Pressekonferenz im Betriebshof Haselholz. „Gleichzeitig hat uns das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege darüber informiert, dass wir die alten Fahrzeuge dann nicht mehr verschrotten dürfen.“
Denkmalschutz greift ab 30 Jahren Betriebszeit
Das Problem ist juristischer Natur. Nach der Denkmalschutzverordnung Mecklenburg-Vorpommern können technische Anlagen ab einem Alter von 30 Jahren unter Schutz gestellt werden, sofern sie „von besonderer geschichtlicher Bedeutung für die Region“ sind. Die Schweriner Straßenbahnen vom Typ SN2001, gebaut beim tschechischen Hersteller Škoda Transportation, erreichen diese Schwelle exakt in dem Jahr, in dem die letzten Neufahrzeuge geliefert werden sollen.
„Die Schweriner Niederflurbahnen sind einzigartige Zeugnisse der ostdeutschen Nahverkehrsgeschichte. Sie dokumentieren den Übergang von der Tatra-Ära zur Moderne und die damit verbundene Hoffnung, die bekanntlich nicht eingelöst wurde.“
Dr. Annegret Pfüller, Landesbeauftragte für technisches Kulturgut
Die NVS steht damit vor einem einzigartigen Dilemma: Sie muss die alten Bahnen weiter betreiben, weil sie unter Denkmalschutz stehen, kann aber die neuen Bahnen nicht einsetzen, weil die Strecken zu kurz sind für einen Parallelbetrieb. Das Schienennetz der Landeshauptstadt umfasst gerade einmal 21 Kilometer, weniger als manche Werksbahn. Zumindest beim Internet hat man das Problem bereits akzeptiert.
„Schwerin wird zum fahrenden Museum“
Aus der Stadtvertretung kamen gemischte Reaktionen. Die interfraktionelle Arbeitsgruppe Nahverkehr, die seit 2019 tagt ohne bisher ein Ergebnis vorgelegt zu haben, begrüßte die Entwicklung grundsätzlich. „Es zeigt, dass Schwerin in der Lage ist, historische Substanz zu bewahren“, sagte der Vorsitzende Rolf-Dieter Kammrath (CDU). „Nicht jede Stadt kann von sich behaupten, ein fahrendes Museum zu betreiben.“
Kritischer sieht es Fahrgastvertreter Jens Wöhlert. Er verwies darauf, dass die denkmalgeschützten Bahnen im 15-Minuten-Takt fahren, während in Erfurt längst der 5-Minuten-Takt Standard sei. „Aber natürlich fährt in Erfurt kein denkmalgeschütztes Fahrzeug. Die haben einfach rechtzeitig neue bestellt.“
Die NVS prüft nun, ob die neuen Bahnen alternativ als Abstellfahrzeuge im Betriebshof eingesetzt werden können, bis ein Konzept für den Parallelbetrieb vorliegt. Ein entsprechendes Gutachten wurde bereits bei einer Berliner Beratungsfirma in Auftrag gegeben. Kosten: 380.000 Euro. Lieferzeit des Gutachtens: voraussichtlich 2036.
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