Die Schweriner Stadtvertretung hat ein neues Kuriosum: einen Sitz, der häufiger den Besitzer wechselt als eine Mietwohnung in der Feldstadt. Nachdem Stephan Schrör sein Mandat für die ASK in rekordverdächtigen 70 Sekunden angenommen und wieder abgegeben hatte, rückt nun Karsten Jagau nach. Für Kenner der Schweriner Lokalpolitik ein bekannter Name – Jagau saß schon einmal in der Stadtvertretung. Und ging. Freiwillig. Rotationsprinzip.
Das Rotationsprinzip: Demokratie als Staffellauf
Die ASK hält bekanntlich am sogenannten Rotationsprinzip fest. Das bedeutet: Kaum hat sich ein Stadtvertreter warmgesessen, wird gewechselt. Manche würden sagen, das bringt frischen Wind. Andere sagen, es bringt vor allem Verwirrung beim Namensschilderdrucker.
Schrör hatte das Prinzip auf die Spitze getrieben. Er ließ sich am Montagabend vereidigen, blickte kurz in die Runde, drehte sich um und ging. 70 Sekunden. In seiner anschließenden Facebook-Erklärung rechnete er mit der politischen Kultur in Schwerin ab: Meinungsvielfalt werde „lapidar“ behandelt, sachkundige Bürger aus Ausschüssen gedrängt, Politik beschränke sich aufs Verwalten. Der Bürgerentscheid zum Stadtteilpark Lankow sei ein „Misstrauensvotum gegen die Stadtvertretung“ gewesen.
„Sorry: Ich wollte Sie nur mal von vorne sehen.“ – Stephan Schrör, 70-Sekunden-Stadtvertreter, in seiner Abschiedserklärung
Stadtpräsident Sebastian Ehlers (CDU) zeigte wenig Verständnis für das „inszenierte Politik-Theater“ und verwies auf die vielen einstimmigen Beschlüsse des Abends. Was er nicht erwähnte: Einstimmige Beschlüsse sind in einer Stadtvertretung mit Durchschnittsalter 60+ ungefähr so überraschend wie Regen im November.
Jagau übernimmt – und beantragt sofort Akteneinsicht
Karsten Jagau, der nun den ASK-Sitz erbt, ist offensichtlich aus anderem Holz geschnitzt. Statt den Saal nach einer Minute wieder zu verlassen, hat er bereits Akteneinsicht zum Strandhotel Zippendorf beantragt. Das klingt nach einem Mann, der tatsächlich vorhat zu bleiben. Zumindest bis das Rotationsprinzip wieder zuschlägt.
Die Stadtverwaltung soll inzwischen prüfen, ob sich die Installation einer Drehtür am Eingang zum Sitzungssaal lohnt. Bei der aktuellen Wechselfrequenz der ASK wäre das jedenfalls eine Investition mit schnellem Return. Alternativ wird diskutiert, den Sitz einfach als Airbnb-Erlebnis anzubieten: „Schweriner Stadtvertreter für einen Abend – inklusive Vereidigung und kostenlosem Kaffee.“
Ob Jagau diesmal länger als 70 Sekunden durchhält, bleibt abzuwarten. Die Wettquoten im Rathaus stehen aktuell bei drei Sitzungen.
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