Schwerin. Die Betreiber der Marienplatz-Galerie haben am Montag ein innovatives Freizeitkonzept vorgestellt, das den seit Jahren wachsenden Leerstand in Schwerins größtem Einkaufszentrum erstmals wirtschaftlich nutzbar machen soll. Ab März 2026 werden insgesamt zwölf leerstehende Ladenflächen zu einem zusammenhängenden Escape Room umfunktioniert. Die Aufgabe für Teilnehmer: Innerhalb von 60 Minuten ein tatsächlich geöffnetes Geschäft finden.
„Wir haben lange überlegt, wie wir die Flächen bespielen können“, erklärte Center-Managerin Doris Freitag-Wendt bei der Vorstellung des Konzepts. „Zuerst wollten wir neue Mieter suchen, aber nach vier Jahren erfolgloser Akquise haben wir beschlossen, den Leerstand selbst zum Produkt zu machen.“ Dass die Galerie bereits für die zentrale Bündelung des Leerstands bekannt ist, habe die Entscheidung erleichtert.
Schwierigkeitsgrad „Schwerin“: Bisher hat niemand gewonnen
Der Escape Room erstreckt sich über zwei Etagen und führt durch verlassene Ladenlokale, deren Schaufenster noch vergilbte Plakate aus dem Herbst 2022 zeigen. Teilnehmer müssen Hinweise in aufgegebenen Umkleidekabinen finden, Codes aus alten Kassenbons entschlüsseln und sich an Rolltreppen vorbeischleichen, die seit 2024 aus Kostengründen nur noch als Treppen fungieren.
In der Testphase hatte bislang keine der 14 Probandengruppen die Aufgabe lösen können. „Die meisten geben nach 40 Minuten auf und kaufen sich resigniert einen Döner beim einzigen Imbiss im Erdgeschoss“, räumte Freitag-Wendt ein. Der Schwierigkeitsgrad „Schwerin“ sei bewusst gewählt worden — leichtere Varianten wie „Rostock“ oder „Lübeck“ seien in Planung, dort müsse man lediglich drei statt zwölf Geschäfte passieren.
„Ich bin Escape-Room-Profi und war in Budapest, Berlin und Prag. Aber ein Einkaufszentrum, in dem man keinen einzigen geöffneten Laden findet — das war das Realistischste und zugleich Verstörendste, was ich je erlebt habe.“
Marcus K. (34), Escape-Room-Blogger aus Hamburg, nach seinem gescheiterten Versuch
Stadtvertretung sieht „Leuchtturmprojekt für die Innenstadt“
Die Schweriner Stadtvertretung begrüßte das Vorhaben in einer außerordentlichen Sitzung, die nach nur drei Stunden Debatte über die korrekte Bezeichnung — „Escape Room“, „Rätselraum“ oder „Erlebnisparcours“ — vertagt wurde. Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum sprach dennoch von einem „Leuchtturmprojekt“, das Schwerin als „Erlebnisstadt mit Alleinstellungsmerkmal“ positioniere. Dass die Innenstadt kürzlich bereits zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, sehe er als „synergetische Ergänzung“.
Weniger begeistert reagierte der Einzelhandelsverband. „Das Problem ist nicht, dass die Galerie kreativ mit Leerstand umgeht“, sagte ein Sprecher. „Das Problem ist, dass der Escape Room realistischer ist als jede Einkaufssimulation. Die Leute denken, der Leerstand gehört zum Spiel. Tut er nicht. Der war schon vorher da.“
Für Schweriner Verhältnisse entwickelt sich das Projekt allerdings zu einem echten Publikumsmagneten. Bereits 23 Personen hätten sich für den Monat März angemeldet, teilte die Center-Managerin mit. „Das sind mehr Besucher, als manche unserer Geschäfte im gesamten Januar hatten.“ Ein Premium-Ticket für 49,90 Euro beinhaltet einen Trostpreis: einen Einkaufsgutschein über 20 Euro. Einlösbar in allen teilnehmenden Geschäften der Galerie. Welche das sind, müssen die Teilnehmer allerdings selbst herausfinden.
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