Schwerin ist Landeshauptstadt. In einer Landeshauptstadt erwartet man ein gewisses kulturelles Angebot. Ein Staatstheater, Museen, Galerien, Kinos, Clubs, eine freie Szene, Festivals, Lesungen, Konzerte, Kleinkunst. Schwerin hat davon: ein Staatstheater. Und Museen. Und dann wird die Liste schon dünn.
Lassen Sie uns ehrlich Inventur machen. Was bietet die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern an Kultur? Hier ist die vollständige Liste, und Sie werden überrascht sein, wie schnell sie zu Ende ist.
Was es gibt: Das Minimum
Das Mecklenburgische Staatstheater. Es ist gut. Wirklich. Die Inszenierungen haben Niveau, das Ensemble ist engagiert, der Spielplan ambitioniert. Oper, Schauspiel, Ballett, Konzerte. Für eine Stadt dieser Größe ist das beachtlich. Der Haken: Es ist das einzige Theater. Keine freie Bühne, keine Studiobühne, kein Off-Theater. Wer nicht ins Staatstheater will, hat in Schwerin keine Alternative. In Rostock gibt es das Volkstheater, die Compagnie de Comédie, die Bühne 602 und diverse freie Gruppen. In Schwerin gibt es das Staatstheater. Nehmen oder lassen.
Dann die Museen. Das Staatliche Museum mit einer respektablen Sammlung niederländischer und flämischer Malerei. Das Schlossmuseum im Schloss. Das Technische Landesmuseum, das Freilichtmuseum Mueß. Solide, aber nicht der Grund, warum jemand nach Schwerin fährt. Kein Haus, das überregional Schlagzeilen macht. Keine Sonderausstellung, für die man 200 Kilometer Anfahrt in Kauf nimmt.
Ich war drei Jahre lang Abonnentin im Staatstheater. Das war gut. Aber wenn ich Freunden erzähle, was man in Schwerin sonst noch kulturell machen kann, fällt mir nichts ein. Buchstäblich nichts.
Sandra Breitling, 34, Angestellte, wohnt seit 2019 in Schwerin
Was fehlt: Alles andere
Kinos? Ein Cineplex am Marienplatz. Programmkino? Gab es mal. Gibt es nicht mehr. Clubs? Keiner, der überlebt. Die jungen Leute fahren zum Feiern nach Rostock oder Hamburg. Das ist keine Übertreibung, das ist der Samstagabend von jedem unter 30 in Schwerin.
Galerien? Ein paar kleine, die tapfer durchhalten. Eine Galerieszene, die diesen Namen verdient? Nein. Festivals? Die Schlossfestspiele im Sommer, die sind tatsächlich schön. Und dann? Die Filmkunstfest MV existiert, ja. Aber fragen Sie mal in Berlin oder Hamburg, ob jemand davon gehört hat.
Eine freie Kunstszene? Ateliers, Projekträume, Kollektive? In Leipzig füllen sie ganze Stadtviertel. In Schwerin sucht man sie mit der Lupe. Es gibt engagierte Einzelpersonen, keine Frage. Aber eine Szene braucht kritische Masse, und kritische Masse braucht junge Leute, und junge Leute gehen nach Hamburg.
Buchhandlungen, die Lesungen veranstalten? Werden weniger. Kneipen mit Live-Musik? Kann man an einer Hand abzählen. Comedy, Kabarett, Poetry Slam? Vereinzelt, nicht regelmäßig, keine feste Spielstätte. Es ist nicht so, dass es in Schwerin keine Kultur gibt. Es ist so, dass es das absolute Minimum gibt und darüber hinaus gähnende Leere.
Warum keiner was dagegen tut
Die Antwort ist so vorhersehbar wie deprimierend: kein Geld, kein Personal, keine Priorität. Kultur steht in Schwerin auf der politischen Agenda irgendwo zwischen Grünflächenpflege und Straßenbeleuchtung. Der Kulturetat der Stadt ist ein Witz, gemessen an dem, was eine Landeshauptstadt bräuchte. Und das Land? Das Land finanziert das Staatstheater und das Staatliche Museum und findet, damit sei der kulturelle Auftrag erfüllt.
Wir haben in der Stadtvertretung mehrfach über die Förderung der freien Kulturszene debattiert. Es gab einen Arbeitskreis, ein Positionspapier und am Ende eine Erhöhung des Budgets um 15.000 Euro. Fünfzehntausend. Für eine Landeshauptstadt.
Stadträtin Anja Kirchhoff (Grüne), Ausschuss für Kultur und Bildung
15.000 Euro. Dafür bekommt man in Hamburg eine halbe Vernissage. In Schwerin soll damit eine ganze Kulturszene entstehen. Es ist zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre.
Das Ergebnis dieser chronischen Unterfinanzierung sieht man jeden Abend: Ab 20 Uhr ist Schwerin kulturell tot. Wer kein Theaterabonnement hat, sitzt zu Hause. Oder fährt weg. Die Stadt verbrennt damit genau die Menschen, die sie am dringendsten braucht: junge, kreative Leute, die Bock auf was haben. Die gehen dorthin, wo was los ist. Und in Schwerin ist nach dem Staatstheater nichts mehr los.
Kultur ist kein Luxus, den man sich leistet, wenn alles andere erledigt ist. Kultur ist der Grund, warum Menschen in einer Stadt leben wollen. Schwerin hat das nicht verstanden. Und wundert sich, warum die Jungen gehen.
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