Kurioses

Kressmann-Umkleiden als Therapie: Wer sich hier nicht hässlich fühlt, war nie drin

Es gibt Orte in Schwerin, an denen man sich unwohl fühlen kann. Der Hauptbahnhof um 23 Uhr. Die Marienplatz-Galerie an einem Dienstagnachmittag. Und dann gibt es, so sagen jedenfalls manche Kunden, die Umkleidekabinen bei Kressmann, dem größten und einzigen Kaufhaus der Landeshauptstadt.

Wer dort jemals vor dem Spiegel stand, kennt möglicherweise das Gefühl: Man betritt die Kabine als halbwegs selbstbewusster Mensch und verlässt sie mit dem Eindruck, man sollte vielleicht nie wieder das Haus verlassen. Die Beleuchtung scheint in einem Farbspektrum zu arbeiten, das manche irgendwo zwischen Leichenschauhaus und Passfoto-Automat verorten würden. Der Spiegel könnte Dinge zeigen, die man an sich selbst noch nie gesehen hat und sofort wieder vergessen möchte.

Zufall oder Kalkül?

Lange galt die vermeintlich deprimierende Atmosphäre der Kressmann-Kabinen als Designfehler. Vielleicht schlechtes Licht, vielleicht alte Spiegel, vielleicht Vorhänge, die an ein Krankenhaus der Nachwendezeit erinnern könnten. Doch eine neue Theorie macht angeblich in Schwerin die Runde: Was, wenn das alles gar kein Zufall wäre?

Die Logik dahinter wäre bestechend einfach: Wer sich im Spiegel aussieht wie drei Tage Regenwetter, kauft womöglich mehr. Nicht weil die Sachen so gut aussehen, sondern weil man instinktiv alles tun würde, um den Körper darunter zu verstecken. Pullover drüber. Jacke drüber. Schal drum. Zur Not noch eine Mütze.

„Ich wollte eigentlich nur eine Bluse. Ich bin mit drei Jacken, einem Mantel und einer Wolldecke rausgegangen. Ich konnte mich selbst nicht mehr anschauen.“

So oder so ähnlich könnte ein Kressmann-Besuch verlaufen, wenn man den Erzählungen mancher Stammkunden glaubt.

Die Spiegel-Theorie

Ob es dazu wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, ist unklar. Theoretisch könnte eine deprimierende Umkleidekabine ein unterschätztes Verkaufsinstrument sein. Wenn ein Kunde denkt, er sieht furchtbar aus, gibt er vielleicht mehr aus als in einer Kabine mit Schmeichelspiegel. Ob das auf Kressmann zutrifft, weiß natürlich niemand.

Besonders bemerkenswert wäre dabei: Die Kernzielgruppe des einzigen Kaufhauses der Landeshauptstadt sind nach eigener Wahrnehmung eher ältere Semester. Menschen, die sich ohnehin schon gelegentlich mit der Vergänglichkeit beschäftigen, würden in diesen Kabinen möglicherweise noch einmal daran erinnert. Aber das ist natürlich reine Spekulation.

Bei Kressmann selbst würde man das vermutlich anders sehen. Die Spiegel dürften „handelsüblich“ sein und die Beleuchtung „energieeffizient“. Und vielleicht stimmt das sogar.

Was die Kundschaft so erzählt

Fragt man die Stammkunden, ergeben sich interessante Sichtweisen. „Ich gehe seit 20 Jahren zu Kressmann und ich habe mich noch kein einziges Mal gut gefühlt danach“, soll ein Kunde aus Lankow mal gesagt haben. „Aber ich habe einen vollen Kleiderschrank. Erklär mir das mal.“

Eine andere Geschichte, die man sich in Schwerin erzählt: Eine Kundin habe berichtet, ihre Tochter sage, sie solle einfach die Sachen online bestellen. „Aber das geht nicht. Ich muss in die Kabine. Ich muss das Elend sehen. Sonst weiß ich nicht, was ich brauche.“

Ob man das den Kressmann-Effekt nennen sollte, sei dahingestellt. Aber der Gedanke, dass eine Umkleidekabine ein so tiefes Unbehagen erzeugen könnte, dass der Kauf zur Kompensationshandlung wird, hat zumindest einen gewissen Charme.

Vielleicht ein Kulturgut?

Ob Marketingstrategie oder einfach jahrzehntelang nicht renoviert: Die Kressmann-Kabinen fühlen sich für viele Schweriner längst an wie ein Teil der Stadtidentität. Wie der Pfaffenteich, der Fernsehturm und das Gefühl, in der falschen Stadt zu leben. Dass das einzige Kaufhaus der Stadt ausgerechnet auf eine Zielgruppe setzt, die den Spiegel am wenigsten verkraftet, ist entweder tragisch oder genial. Man weiß es nicht.

Gerüchten zufolge soll irgendjemand mal vorgeschlagen haben, die Umkleidekabinen als immaterielles Kulturerbe anzumelden. Passend zum Residenzensemble. „Schwerin hat das Schloss und Kressmann hat die Spiegel“, könnte man sagen. „Beides erzeugt Ehrfurcht. Nur in verschiedene Richtungen.“

Aber wie gesagt: Alles nur ein Gefühl. Vielleicht sind die Spiegel völlig normal und wir sehen wirklich so aus.

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