Schwerin hat in der vergangenen Woche eine Nachricht für sich behalten, die eigentlich Schlagzeilen hätte machen müssen: Im Margaretenhof, einem der größten leerstehenden Gebäude der Innenstadt, wurde die Einrichtung einer Pflegeeinrichtung geprüft und verworfen. Die offizielle Begründung: kein Bedarf. In der Landeshauptstadt mit dem höchsten Durchschnittsalter aller deutschen Landeshauptstädte. Kein Bedarf.
Daraufhin soll eine eigens einberufene Arbeitsgruppe des Dezernats für Bevölkerungsentwicklung und vorsorgliche Stadtverkleinerung — einem der wenigen Wachstumsbereiche der Stadt — zu einem bemerkenswerten Schluss gekommen sein: Die Senioren wandern ab. Nicht die Jungen, nicht die Familien, nicht die Start-up-Gründer, die es ohnehin nie gab. Diesmal sind es die Rentner.
Abwanderungswelle erfasst neue Altersgruppe
Demografin Dr. Helga Mützenfrey vom fiktiven Institut für angewandte Entvölkerungsforschung soll die Lage in einer internen Präsentation so zusammengefasst haben: Schwerin habe jahrzehntelang die Abwanderung junger Menschen als Naturgesetz akzeptiert. Nun zeige sich, dass auch die Generation 70+ offenbar bessere Angebote in anderen Städten finde. Der Trend sei eindeutig.
Wir haben das Problem 30 Jahre lang auf die Jugend geschoben. Jetzt stellen wir fest: Selbst die Rentner haben die Geduld verloren. Wenn jemand mit 78 noch umzieht, dann ist das ein Statement.
Dr. Helga Mützenfrey, Demografin (so oder so ähnlich)
Besonders der Hamburger Raum soll bei abwandernden Senioren beliebt sein. Die Argumentation sei stets dieselbe: bessere Ärzte, bessere Infrastruktur, Enkelkinder in der Nähe, und ein Nahverkehr, der auch nach 20 Uhr noch existiere — ein Konzept, das Schwerin weder beim ÖPNV noch bei der Gastronomie kennt. Dass der Regionalexpress nach Hamburg zwei Stunden braucht, sei für Rentner kein Hindernis, schließlich hätten sie ja Zeit.
Pflegeheime melden Leerstand — erstmals in der Geschichte
Der Sprecher eines Schweriner Pflegeheimbetreibers, der anonym bleiben möchte, soll bestätigt haben, dass einzelne Einrichtungen erstmals Betten nicht mehr belegen könnten. Nicht wegen Personalmangel, wie im Rest der Republik, sondern weil die potenziellen Bewohner schlicht nicht mehr da seien. Ein Heim in Lankow habe zuletzt versucht, mit einem Tag der offenen Tür gegenzusteuern. Es seien drei Besucher gekommen. Zwei davon aus Rostock, einer hatte sich verfahren.
Interims-Oberbürgermeister Bernd Nottebaum soll auf Nachfrage beschwichtigt haben. Man beobachte die Situation, es gebe keinen Grund zur Panik. Schwerin habe schließlich Erfahrung mit Bevölkerungsrückgang. Auf die Frage, ob die Stadt aktiv etwas dagegen unternehme, soll er geantwortet haben, dass man prüfe, ob der Margaretenhof nicht doch für etwas anderes genutzt werden könne. Eine Idee sei ein Coworking-Space für die verbliebene Kreativszene. Auf Nachfrage, wie groß diese sei, soll er kurz geschwiegen haben.
Wir sind eine Stadt mit Zukunft. Nur eben mit weniger Leuten drin.
Sprecher der Stadtverwaltung Schwerin (sinngemäß)
Die Demografin Mützenfrey soll in ihrem Vortrag noch einen Ausblick gewagt haben: Wenn der Trend anhalte, werde Schwerin bis 2035 die erste deutsche Landeshauptstadt sein, deren größte Bevölkerungsgruppe die Touristen sind. Allerdings nur montags bis freitags zwischen 10 und 14 Uhr, wenn die Reisebusse am Schloss halten. Danach kehre wieder die gewohnte Ruhe ein.
Das Schweriner Schloss, so heißt es, stehe übrigens weiterhin an seinem Platz. Es könne ja auch nicht abwandern. Noch nicht.
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