Es gibt ein Gedankenexperiment, das man in Schwerin problemlos durchführen kann: Man setze sich an einen Nachmittag an den Rechner, öffne eine Videokonferenz und versuche gleichzeitig, eine Datei hochzuladen. In den meisten deutschen Großstädten funktioniert das. In der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern ist das ein Abenteuer. Willkommen im digitalen Schwerin. Bitte haben Sie Geduld, die Seite wird geladen.
Während Städte wie München, Stuttgart oder Hamburg Glasfasernetze flächendeckend ausrollen, kämpft Schwerin mit einem Flickenteppich aus DSL-Leitungen, die in den frühen 2000ern verlegt wurden und seitdem tapfer vor sich hin oxidieren. Glasfaser bis ins Haus? Gibt es. In einigen Neubaugebieten. Und in der Theorie. Für den Rest der Stadt: Kupfer, Hoffnung und ein Router, der sein Bestes gibt.
Die Zahlen, die keiner hören will
Deutschland liegt beim Glasfaserausbau im europäischen Vergleich ohnehin weit hinten. Im OECD-Ranking belegt das Land einen der letzten Plätze, hinter Ländern wie Lettland, Chile und der Türkei. Und innerhalb Deutschlands liegt Mecklenburg-Vorpommern noch einmal zurück. Und innerhalb von MV ist Schwerin nicht gerade Spitzenreiter.
Die Breitbandverfügbarkeit in Schwerin sieht auf dem Papier besser aus, als sie sich anfühlt. Ja, theoretisch können viele Haushalte 50 Mbit/s buchen. In der Praxis hängt die tatsächliche Geschwindigkeit davon ab, wie weit man vom nächsten Verteiler entfernt wohnt, wie viele Nachbarn gleichzeitig Netflix schauen und ob der Wind gerade aus der richtigen Richtung weht.
Echte Glasfaseranschlüsse, also Fiber to the Home, sind in weiten Teilen der Stadt schlicht nicht verfügbar. Wer in Lankow, auf dem Großen Dreesch oder in der Weststadt wohnt, surft auf Infrastruktur, die technologisch in das Jahr 2014 gehört. Und selbst wer bereit wäre, für schnelleres Internet zu zahlen: Es gibt kein Angebot.
Ich arbeite von zuhause. Oder versuche es. Mein Upload liegt bei 2,4 Mbit. Mein Chef in München findet das witzig. Ich nicht.
Sabine T., 38, Homeoffice, Weststadt
Digitale Infrastruktur ist kein Luxus
Es ist 2026. Homeoffice ist Normalität. Videokonferenzen ersetzen Dienstreisen. Cloud-Dienste ersetzen lokale Server. Streaming ist die dominante Form des Medienkonsums. Künstliche Intelligenz verarbeitet Datenmengen, die vor zehn Jahren undenkbar waren. All das braucht Bandbreite. Echte Bandbreite. Nicht die 50-Mbit-DSL-Leitung, die in der Werbung steht und von der in der Praxis 23 ankommen.
Für eine Stadt, die verzweifelt versucht, junge Fachkräfte zu halten und neue anzuziehen, ist langsames Internet kein Schönheitsfehler. Es ist ein Standortnachteil, der in keine Hochglanzbroschüre passt. Welcher IT-Freelancer zieht nach Schwerin, wenn der Upload langsamer ist als in einem rumänischen Dorf? Welches Start-up siedelt sich hier an, wenn die Datenleitung bei der ersten Videokonferenz mit drei Teilnehmern zusammenbricht?
Fördermittel: Da, aber irgendwie nicht hier
Das Absurde ist: Es gibt Geld. Bund und Land stellen Milliarden für den Breitbandausbau bereit. Förderprogramme existieren, Anträge können gestellt werden. Andere Kommunen in MV nutzen diese Programme und verlegen Glasfaser. Im ländlichen Raum. In Dörfern mit 200 Einwohnern wird Glasfaser verlegt, während die Landeshauptstadt auf Kupfer sitzt.
Die Gründe dafür sind ein Klassiker kommunaler Bürokratie: Förderprogramme greifen vor allem dort, wo der Markt versagt. In Schwerin gibt es formal einen Anbieter, der formal ausreichende Geschwindigkeiten anbietet. Dass diese formal ausreichenden Geschwindigkeiten in der Realität nicht ausreichen, interessiert die Förderrichtlinie nicht. Also fließt das Geld aufs Land, wo niemand streamt, und nicht in die Stadt, wo alle gleichzeitig im Videocall hängen.
Es ist ein System, das perfekt funktioniert, um genau nichts zu verändern. Schwerin hat Internet. Steht so in der Statistik. Dass dieses Internet sich anfühlt wie eine Modem-Verbindung mit Selbstbewusstsein, steht da nicht.
Digitale Infrastruktur ist kein Luxus. Sie ist Grundversorgung, wie Wasser und Strom. Eine Stadt, die das im Jahr 2026 noch nicht begriffen hat, darf sich nicht wundern, wenn die Menschen gehen. Sie gehen nicht nur, weil die Mieten in Hamburg nicht viel höher sind. Sie gehen auch, weil dort der Upload funktioniert. In Schwerin lädt die Zukunft noch.
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
